Ich möchte…

…Euch jetzt einmal eine Geschichte erzählen von Einem, der einst ein gut situiertes Leben genossen‘; eine Geschichte von Einem, welcher guten Gewissens Unternehmen beraten hatte, plötzlich jedoch von den Unruhen seines Landes erfasst worden war und daher aus seiner Heimat fliehen musste.
Meine Geschichte verschlägt diesen Menschen in ein anderes Land – vielleicht in unsriges – und hier ist er nun: völlig auf sich allein gestellt, ohne Kenntnisse der neuen Sprache (denn der Sturm ließ ihn keine Zeit), schlichtweg isoliert. Es wird nun geschildert, wie er die erste Zeit – einige Wochen und Monate – tatenlos zusehen musste, wie er so gar nichts tun darf und wie er gegen die zunehmende, an Macht gewinnende Hoffnungslosigkeit, innere Entleerung und das äußere Abstumpfen mit selbst auferlegter Disziplin, mit Bibliotheksbesuchen und Einschreibungen in die Programme der mehr schlecht als rechten Kurse der Volkshochschulen anzukämpfen versuchte.
Ich werde in meiner Geschichte zeigen, was mit dem klugen und willensstarken Menschen passiert, als er schließlich als Lagerarbeiter in einer Glashüte unterkommt und sich fortan immer schwerer damit tut, ein Mensch zu bleiben, der von uns nicht als ein Gefallener betrachtet werden muss; ein Arbeiter, wie es sie zu Tausenden und Abertausenden in allen Gegenden unserer ach so modernen Welt gibt und dessen größte Hürde bei der Bildung die Umstände sind, in die er hineingeraten‘. Mein einstiger Unternehmensberater wird schon bald immer seltener und irgendwann möglicherweise gar nicht mehr in die Bibliothek gehen, denn er wird genug damit beschäftigt sein, sich die fremde Sprache anzueignen und dabei gegen all das eben Aufgezeigte natürlich weiterhin anzukämpfen haben. Seine Arbeitsstelle wird sich im Übrigen nicht als der beste Ort erweisen, um hier viele neue Wörter und sprachschöne Wendungen zu praktizieren, geschweige denn zu erlernen. Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass mit der sprachlichen Beschränkung die eigentliche, äußerst reale Beschränkung des Menschen in der Fremde einhergeht. Dieser vermag sich aus der – eigentlich nur zeitweiligen – niederen Ebene nicht mehr zu erheben.
Mein letztendlich Doch-Gefallener wird versuchen, sich seinem neuen Leben – in seinem Fall also seiner Arbeitsatmosphäre – anzupassen.
Er findet sich mit seinem Schicksal ab.
Das heißt nun, dass er den Großteil seiner intellektuellen und inneren Qualitäten metamorphosierend abstreift, sie aufgibt. Hier haben diese nichts mehr zu suchen. Sicherlich wird meine Geschichte ihn auch jetzt noch als den strebsamen Menschen aufzeigen, der er schon immer gewesen war. Man wird den Eindruck nicht verlieren, dass es sich hierbei um einen tragischen Menschen handelt, der nicht so recht in seine von zur Destruktion neigenden Resignation und Simplizität gekennzeichneten Umwelt passt. Aber nicht das ist das eigentlich Tragische. Vielmehr ist das bittere dieser meinen Geschichte derjenige Ausblick, dass dieser Mensch seine Ideale und Bemühungen fortan auf Tätigkeiten und Bereiche ausrichtet, für die es sich eigentlich gar nicht lohnt, sie zu benennen. Meine Geschichte bietet dem, der sie hören möchte, zum Glück nicht allzu viele Momente an, in denen dem früheren Volkswirt dies in derartiger Klarheit bewusst wird.
„Es ist ein Schock!“, sagt er dann. „Es ist ein Schock.“
Ich meine, diese Geschichte, die leider nicht nur Fiktion ist, denn die Silhouette jenes Menschen saß während einer Fahrt durch die Nacht hinter mir, sollte den Titel „Arbeit am Menschenwerk“ tragen.

Die Pragmatik der Intransparenz

Die Postmoderne postuliert Intransparenz. Die reale, wie die abstrakte Welt von heute ist derart vernetzt und vornehmlich die Erkenntnisse über geschichtliche Phänomene zeigen uns, dass diese niemals nur disziplinär, losgelöst vom gesamthistorischen Kontext zu betrachten sind und unfassbar weitreichende – auch außerhistorische – Folgeerkenntnisse erfordern. Diese Kombination aus verzwicktem Gestern und noch verzwickterem Heute scheint einen akademisch klaren Blick auf die Gesellschaft zu verhindern. Wissen heutzutage ist allenfalls Halbwissen. Wer den Blick wagt, begibt sich auf Glatteis; fällt er, so kann er „Dilettant“, oder – wenn er im Fallen die Miene nicht verzieht – „Populist“ geheißen werden und das auch dann, wenn er gar keiner ist. Die, die nicht fallen, haben zumindest schlottrige Knie. Sie sind gezwungen, sich einer Sprache zu bedienen, die es unmöglich macht, Kritik in der Art und Weise zu formulieren, wie sie im Innern entstanden ist. Sie wird entfremdet, abstrahiert; sie ist emotional tot; die Breite der Bevölkerung, der die Gedanken vielleicht zugeneigt‘, werden diese nicht verstehen können. Ich behaupte gar: Die Akademie begibt sich tragischerweise selbst in ein Labyrinth, aus dem sie, wenn, dann geschwächt wieder hinaus findet – verändert in jedem Falle. Die Postmoderne verhindert eine allumfassende Kritik; sie entideologisiert; sie entmythologisiert und entwertet; denn sie hat erfahren, wozu Ideologien, Mythen und Werte geführt haben.
In jedem Falle – so glaube ich – hat sie einen Nutznießer. Dies ist ein wert(e)loses System und das ist das System der Wirtschaft. Zumindest gibt sie es vor, so zu sein. Ihr einziger Glaube ist der Pragmatismus; ihr Jesus ist die Zahl und ihre Aurora, in der ihr Phallus sich erhebt, ist der Fortschritt. Sie ist ethisch unantastbar, weil sie keine Ethik hat. Es scheint, als habe Kritik bei ihr keine Angriffsfläche; denn sie argumentiert eben mit Pragmatik. Altruismus preist sie nur dann, wenn er sich in ihre Pragmatik einbettet – was die „Soziale“ Marktwirtschaft bestens zeigt.
Sie, die Wirtschaft, dezimiert die Reihen ihrer Kritiker, denn Hand in Hand mit ihr geht der Egoismus, welcher sich jedweden Werten nur dann nicht entzieht, wenn er eingeschränkt wird. Und das geschieht eben nur aus pragmatischen Gründen.
Im Übrigen verwechsele man den ökonomischen Egoismus nicht mit den Nietzsches. Dieser ist urmoralisch und kann, wie geschehen, deshalb auch ohne Weiteres zerrissen werden (zumal die Ideologie ihn pervers entfremdet hatte). Auch hier gibt es einen Nutznießer: Es ist die Wirtschaft.

Wenn es im scheinbaren Wirrnis der Postpostpostpostpostmoderne also das größte Problem ist, etwas zu finden, für das es sich einzusetzen lohnt; wenn heute das Schwierigste ist, nicht gegen etwas, sondern für etwas zu demonstrieren, dann sind Utopien umso wichtiger für uns. Wir können und sollten freilich gegen gewisse, gegen viele Dinge sein. Aber ohne den Blick für etwas Neues werden wir nichts ändern, werden wir nichts Neues schaffen können. So lasst uns Utopien wagen!

Politik und Wirtschaft

Politik und Wirtschaft

Die Beschränktheit der (wenn auch allzu seltenen) aufrichtigen Politik liegt darin begründet, dass ihre Ethik von den Einzelnen, den vielen kleinen Welten im Staat, bewusst oder unbewusst untermauert oder zunichte gemacht werden kann. Der utopische Politiker macht sich also für ein Ideal stark, an welches sich der kleine Bürger, der ihn sogar gewählt haben mag, nicht hält. Das Ideal verpufft; es bleibt eine Theorie.
Die Wirtschaft ist da näher an der Realität. Sie ist perverser. Denn, was sie mächtig macht, ist das „Bedürfnis“ des Verbrauchers (das sich im krassesten Falle in der ohnmächtigen Abhängigkeit des Arbeitnehmers äußert).
Eigentlich sollte niemand, der ehrlich zu sich selbst bleiben will, die Wirtschaft verdammen, ohne daraus Konsequenzen für sich erwachsen zu lassen, weil jeder von uns sie nicht nur – im Gegensatz zur politischen Politik – allenfalls indirekt, sondern unmittelbar direkt (blind vielleicht, aber dennoch direkt) gestaltet. Und während die politische Politik den Einzelnen, ob zu unrecht oder zurecht, am Allerwärtesten vorbeigehen mag, trifft die Wirtschaft ausnahmslos Jeden – und das an seinem empfindlichsten Nerv. Nun mögen mich der gemeine FDP-Mann und der Empörte fragen, wie ich dies begründen will. So stelle ich unhöflicher Weise eine Gegenfrage in den Raum:
Wie ist es um das Kaufverhalten von Freilandeiern bestellt?….

Simple Gedanken

Aber meine lieben Brüder und Schwestern; so habt doch um Himmels Willen ein Einsehen und kauft mehr; gebt wieder Geld aus! Versteht Ihr denn nicht, dass nur der Konsum die Wirtschaft in den Gang setzt und dass nur dies neue Arbeitsplätze schafft – bestehende sichert – Arbeitsplätze, die Ihr doch schließlich braucht und haben wollt, damit Ihr weiterhin Geld in Euren Taschen habt, um Euch damit all die Sachen leisten zu können, die Ihr Euch kaufen wollt ?…
Merken wir etwas?
Fällt uns denn nicht auf, dass die Raubkatze ins eigene Schwänzlein sich beißt?
Was ist denn, wenn wir einmal weniger konsumieren; oder uns zumindest weniger Dinge kaufen um dadurch trotzdem die Freude am Konsumieren genießen zu können, indem wir einmal nutzen, was vorhanden ist, oder einfach teilen und indem die, die produzieren, kurz innehalten, verschnaufen und sich fortan wieder mehr Zeit für Qualität gönnen?
Konsumieren wir weniger, so gibt es weniger Arbeit freilich, denn die Wirtschaft wird plätschernd den Bach runtergehen oder vielmehr, statt ein alles mit sich reißender Strom, rieselnder Felsquell sein.
Wir haben weniger Geld.
Aber wir brauchen ja auch weniger Geld (vielleicht, so flüstert uns eine Stimme, brauchen wir gar gar keins, denn wo es kein Geld gibt, gibt es auch keinen mit Geld zu wiegenden Vergleich zwischen Reichtum und Armut…).
Wir brauchen deshalb weniger, weitaus weniger Geld, weil wir weniger, weitaus weniger neue Dinge brauchen, die wir damit zu bezahlen hätten…

Ein archäologischer Fund

Liebe Freunde!

Ich freue mich, Euch mitteilen zu dürfen, dass uns nun ein aufsehenerregender Fund gelungen ist.
Es handelt sich hierbei um einen etwa 200 Jahre alten Soldatenhelm – wohl aus dem Jahre 2020 – aus der Division Lufthansa, welcher im Sektor 13, in dem sich das damalige „Island“ befand, bei Feldvermessungen zufällig entdeckt wurde.
Wir können daraus schließen, dass sich die ersten modernen Divisionen, derer sich sukzessive andere Einheiten, wie die der Deutschen Bank, der
Jack Wolfskin, der DuMont oder der Bacardi Division anschlossen, etwa bereits um diese Zeit etabliert hatten.

Helm

Ein Blick in eine andere Welt – eine Anregung

Dies ist ein Beitrag des Deutschlandradios Kultur über das Musiktheaterprojekt „Amazonas“.
Doch nicht nur darüber. Hört selbst!

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2010/05/02/drk_20100502_1006_21eb43d2.mp3

Eine Erinnerung

Eine Erinnerung (an etwas leider bisher nur Fiktives), die mir seit einigen Jahren auch und vor allem als Idee für ein Straßentheaterstück dient:

Einmal habe ich einen Mann gesehen,
Der hatte auf der Straße gesessen
Und die Perlen gezählt,
Die ihm von den Wangen fließen.
Und vor seinen Füßen
Lag ein off‘ner Hut zerschlissen
„ Ich bitte Euch, so helfet mir“,
Stand auf einem Fetzen Papier,
„Helft und nehmt mir eine meiner Münzen!
Ich kann sie nicht mehr tragen.“
Ich las es und stellte mir viele Fragen
Dann bin ich aufgewacht
Und hab den Traum vergessen.

Bestellmenge: 4 Mann

z.Hd. einer Zeit-Arbeits-FIRMA

Bestellung - 4 Mann

Von der Arbeit zum Wert des Produktes, zum Wert an sich – Der Perlentaucher

Der Perlentaucher

„Und bedenke, mein Sohn, was mir bereits mein Vater und ihm davor sein Vater anvertraut hatte: Die Perle ist der größte Schatz, den ein Mann in der Hand halten kann, denn wer eine Perle ertaucht, von dem sagt man, dass er die Liebe mitbringt.“
Lange hatte er auch diesen Tag an der Zypresse gelehnt, sich seine Arme von der Sonne bräunen lassen und immer wieder stumm jene Worte seines verehrten Vaters wiederholt.
Mit wie vielen Tränen hatte er schon die Blätter benetzt, als er hoch oben in den Wipfeln des Baumes saß und die Mutter aus dem Meer steigen sah, bis sie zum Mittage in vollem Glanz vor ihm strahlte und er dabei immerzu an das Mädchen aus der Stadt dachte: „Schöngesicht… Mein Herz möcht‘ ich Dir schenken!“ ?
Doch das Maß der Zeit war nun voll; die Rast musste ein Ende haben.
Er kletterte abwärts; in Gedanken hatte er die Tat bereits vollbracht und frohgemut lächelte er, dass er den Zweifeln, die noch im Baume hingen, die marmorweißen Zähne zeigte.
Diesmal musste es klappen; diesmal musste er Glück haben.
„Ist Dein Wille nur stark und rein, dann wird Dich das Meer reich beschenken.“
Die Kleider waren abgelegt, er sprang in das glitzernde Wasser und tauchte in eine andere Welt hinab, vorbei an Seeschlangen und bunten Fischschwärmen, die sich wie eine Welle durch das Meer rollten.
Eine Qualle hätte ihn fast gestreift. Wie oft hatte er dieses Land, in dem er nicht atmen durfte, bereits bereist; wie sehr hatte es in seinen Lungen schon gedrückt, dass er meinte: ‚Noch einen Fuß tiefer und sie müssen mir zerknacken!‘ ?
Und wie oft hatte er dann am Ende mit leeren Händen den Meeresspiegel durchbrochen, war an das Ufer gestiegen und hatte einen so derart tief enttäuschten Ausdruck mit an Land gebracht, dass die Schaulustigen scherzten und sich fragten, ob es denn das Meer war, welches an seinem Gesicht klebte, oder nur erneut Tränen eines Schwächlings.
Trotzdem hatte ihn der Mut nie ganz verlassen; Männer, deren Freund der Schalk ist, haben einen stärkeren Nacken und ein jedes Mal freute er sich wieder Tauchen gehen zu dürfen. Dann nämlich war es ihm, als sei er in Wahrheit in der Luft. Wenn er sich von den Strömungen des Wassers tragen ließ und ihn der Meeresschaum kitzelte, glaubte er geradewegs durch dicke, weiche Wolken zu fliegen und meinte, am Meeresgrunde müsste direkt sein Stadtmädchen auf ihn warten.
Und tatsächlich! – Als er dieses Mal das Gras streichelte und es rhythmisch hin- und her schwang, da zeigte sich plötzlich aus dem Verborgenen eine Muschel und in dieser glänzte eine Perle wie ein Funken Licht.
Oh, wie war er außer sich vor Freude!
Der Jüngling musste sich regelrecht zur Vernunft zwingen: Er war nämlich daran, zu schnell an die Oberfläche zu schwimmen und hätte besinnungslos werden und auf ewig zurück zum Meeresboden sinken können, wenn er sich nicht seiner besann.
Da hatte er sie nun- die Perle in der ausgestreckten, linken Hand und machte sich- von der Sonne mit dem Trocknen seiner Haut belohnt und angekleidet auf den weiten Weg in die große Stadt.
Doch, oh weh! Der einsame Gang durch die Dunkelheit, die ihn bald umgab und falsche Kameraden, die sich am hellen Tage um ihn scharten, ihn zu be- doch in Wirklichkeit zu entgleiten (kleiden), wurden ihm zur Qual.
In immer mehr Wanderern, die ihm grüßend entgegen kamen, sah er den versteckten Neid und so manch böses Weib sprang vor ihm aus dem Gebüsch heraus- eins im Bunde mit dem Nebel in der Früh und des Abends- ihn zu verführen. Feuchte Luft lässt die Kleider enger am Körper anliegen…
„Möchtest Du nicht den noch so langen Weg aufgeben und Dich zu mir gesellen? Ich sage es Dir geradeaus in Deine sanften, braunen Augen: Alles das, was Du Dir von der, die in der Stadt wohl nicht auf Dich warten wird, versprichst, gebe ich Dir genauso gut und das myriadenhaft…“. „Woher willst Du wissen, dass Deine Teuerste es nicht der Cleopatra gleich tun wird und Dein Herzensgeschenk, für das beinahe Deine Brust gerissen ist, in eine Essigschale legt und es einfach austrinkt?“
Mit dieser Frage übermannte ihn schließlich der Kummer, der die ganze Zeit heimlich hinter ihm hergeschlichen war, und der Jüngling verunglückte allein und verlassen auf der letzten Straße hin zu seinem blühenden Schöngesicht noch mit der Perle in der ausgestreckten, linken Hand. Und als Schöngesicht eines Herbsttages an der Seite eines schnöden Langweilers, der nicht wusste, wie man mit Blumen umzugehen hat, verwelkte, wusste es noch nicht einmal, dass viele Tage zuvor ein Mensch für sie gestorben war.
Ach, mein schöner Griechensohn!
Nicht gar so viele weitere Tage gingen in Dein Land und in die weite Welt; da machte ein Japaner, dass von nun an dieses kleine, weiße Ding in Massen verschenkt werden konnte und die Menschen störten sich noch nicht einmal daran; denn beinahe Jedem war es schon immer egal, ob die Perle an seinem Herzen echt oder künstlich ist

Anton Tschechow – Aus: Missius

Diese Erzählung Tschechows, die auf einzigartiger Weise in der Aufführung des Leipziger Schauspielhauses in das Stück „Kirschgarten“ als Epilog eingeflochten wurde, möchte ich gerne meiner Utopie vom 23.02. zur Seite stellen.
Technisch geht das nicht mehr. Aber Ihr findet Euch sicherlich zurecht.

Anton Tschechow: Missius. Erzählung eines Künstlers

Das Volk ist mit einer großen Kette gefesselt, und Sie zerschlagen nicht diese Kette, sondern fügen immer neue Glieder hinzu – da haben Sie meine Meinung … Die Menschen haben keine Zeit, an ihre Seele zu denken, keine Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen; Hunger, Kälte, tierische Angst, eine Unmenge von Arbeit haben ihnen alle Wege zu einer geistigen Tätigkeit versperrt, eben zu dem, was den Menschen vom Tier unterscheidet und das Einzige bildet, um dessentwillen es sich zu leben lohnt. Sie kommen ihnen mit Ihren Krankenhäusern und Schulen zur Hilfe; aber Sie befreien sie damit nicht von den Fesseln, im Gegenteil, Sie unterjochen sie noch viel mehr, da Sie nur die Zahl ihrer Bedürfnisse steigern, ohne davon zu reden, daß sie für die Pflästerchen und die Bücher bezahlen und dafür ihre Rücken noch stärker krümmen müssen. Man kann die Hände nicht in den Schoß legen und dasitzen. Freilich werden wir die Menschheit nicht retten, und vielleicht irren wir uns in vielem, doch wir tun, was wir können, und wir haben recht. Die höchste und heiligste Aufgabe der Kulturmenschen besteht darin – dem Nächsten zu dienen, und wir versuchen, nach bestem Können zu dienen.
Die Aufgabe eines jeden Menschen liegt in der Arbeit des Geistes – im beständigen Suchen nach Wahrheit und nach dem Lebenssinn. Machen Sie doch, daß für jene die grobe, tierische Arbeit unnötig wird, lassen sie sich frei fühlen, und dann werden sie sich überzeugen, welch ein Hohn im Grunde diese Bücher und Hausapotheken sind … Die Kenntnis des Lesens und Schreibens, wenn der Mensch nur die Möglichkeit hat, die Aushängeschilder an Schenken und hin und wieder Bücher, die er nicht versteht, zu lesen, eine solche Bildung haben wir bei uns seit ewiger Zeit. Nicht Lesen und Schreiben tut uns not, sondern Freiheit für eine möglichst reiche Entwicklung der geistigen Fähigkeiten …
Nehmen Sie einen Teil fremder Arbeit auf sich. Wenn wir alle, Städter wie Landbewohner, alle ohne Ausnahme, einverstanden wären, die Arbeit, die von der Menschheit zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse geleistet wird, unter uns zu verteilen, so kämen auf einen jeden von uns vielleicht nicht mehr als zwei, drei Stunden täglich. Stellen Sie sich das vor, daß wir alle, Reiche wie Arme, nur drei Stunden im Tage arbeiten, während die übrige Zeit für uns frei ist. Stellen Sie sich dazu vor, daß wir, um noch weniger von unserem Körper abzuhängen und weniger zu arbeiten, Maschinen erfinden, die die Arbeit ersetzen, und uns bemühen, die Zahl unserer Bedürfnisse auf ein Minimum zu beschränken. Alle gemeinsam widmen wir diese freie Zeit den Wissenschaften und Künsten …
Gelehrte, Schriftsteller und Künstler arbeiten mit Vollkraft, indessen sind wir von der Wahrheit noch weit entfernt, und der Mensch bleibt nach wie vor das raubgierigste und unsauberste Tier, und alles zielt darauf ab, daß die Menschheit in ihrer Mehrheit entartet und für immer jede Lebensfähigkeit verliert.
Unter solchen Bedingungen hat das Leben eines Künstlers keinen Sinn, und je begabter er ist, desto seltsamer und unverständlicher wird seine Rolle, da es sich ergibt, daß er zur Belustigung des raubgierigen, unsauberen Tieres arbeitet, um die bestehende Ordnung aufrechtzuerhalten. Und ich will nicht und werde nicht arbeiten … Nichts braucht es, möge die Erde in den Tartaros [Unterwelt, Abgrund] versinken!
Anton Tschechow, Meisternovellen. Aus dem Russischen von Rebecca Candreia. © 1946 by Manesse Verlag, Zürich, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.

http://www.centraltheater-leipzig.de/centraltheater/denken_handeln/aktuell/der_kirschgarten/

Der seidene Faden Eine Erzählung

Es ist schwer zu sagen, wo diese Geschichte beginnt und wo sie endet und ob sie eine Mitte oder einen Höhepunkt hat und ob sie überhaupt eine Geschichte ist.
Ich habe lange Zeit davon geträumt, ein Leben zu leben, das man innerhalb von wenigen Seiten und mit kurzen, einfachen Sätzen erzählen kann.
Ein Leben, wie man es heute lebt: Mit einem Anfang, einigen sanften Höhepunkten und einem unvermeidlichen Ende.
In einem solchen Leben wollte ich sein und ich weiß auch, das es möglich ist, ein solches Leben, aber nicht für alle, nehme ich, nicht für alle, denn was sind sie schon wert, die Flügel eines Engels, wenn alle Menschen solche Flügel haben ?

Man weiß nie, wie oder wo etwas begann, wo die Ursache für den Zustand liegt in dem man sich gerade befindet.
Ich könnte zum Beispiel sagen, dass alles mit dem blauen Brief begann, der aus Noras Tasche, einer mit roten Blumen bestickten Umhängetasche fiel, die wir, das weiß ich noch, auf einem Flohmarkt in einem abgelegenen Kölner Stadtviertel gekauft haben.
Aber dieser blaue Brief hat vielleicht gar keine Bedeutung oder er ist eine Folge von Tatsachen, die lange davor entstanden sind, vielleicht existiert er auch gar nicht, dieser blaue Brief.
Und was hätte der Blaue Brief schon ausgelöst wenn es nicht das ganze Theater mit R. gegeben hätte, wenn R. das nicht gemacht hätte, was er gemacht hat und wenn er das, was er davor gemacht hat, ich meine, bevor er das, was er danach gemacht hat, auch nicht gemacht hätte.
Es ist wahrscheinlich für die meisten nicht neu, was ich hier sage, es gibt immer einen Anfang vor dem Anfang, das ist altbekannt, aber dennoch: Wo soll man nur anfangen ?

Ich will es trotz allem versuchen, ich beginne meine Geschichte, und zwar dort, wo es mir am wenigsten verhängnisvoll scheint, an einem Montag im Herbst.
Die Blätter fielen von den Bäumen, nehme ich an, sie waren braun und manche waren gelb von einer Art, die man auch als golden bezeichnen könnte.
Hier und da liefen einige Eichhörnchen umher, es waren viele Spaziergänger auf den Straßen, auch Fahrradfahrer, man empfand gemeinhin ein unbestimmtes Gefühl von Melancholie und der letzte Sommer schien einem mit Abstand der schönste gewesen zu sein. Dennoch war man auf den Straßen und die Traurigkeit und die Sehnsucht nach dem Sommer waren von einer Art, die den meisten sehr angenehm war.
Auch A. und ich waren viel draußen in dieser Zeit aber wir empfanden es anders, als wir es sonst empfunden hatten und wir empfanden diesen Wechsel in unserer Empfindung als etwas notwendiges, als etwas, das dieses Leben von uns verlangte und wir waren so glücklich, dass wir fähig waren zu einem solchen Wandel in unseren Empfindungen.
Worin dieser Wandel unserer Empfindungen begründet lag, ist wiederum schwer zu sagen, ob er eine altersbedingte Erscheinung war oder ein Zeitphänomen kann ich auch heute nicht wirklich entscheiden, es ist aber wohl besser letzteres zu behaupten, sonst würde man sich später verirren.
Ich glaube, dass es der weißhaarige Gegenwartsphilosoph war, der uns dabei geholfen hat, unsere Empfindungen zu wandeln und man sollte ihm auch heute noch dankbar sein, dass er im Stande war, das für uns zu tun.
Ich weiß nicht, wann oder wie A. den Gegenwartsphilosophen kennen gelernt hat, aber wir trafen ihn oft in einem der neueren Cafés im Osten der Stadt und ich erinnere mich auch an einige Lesungen des Gegenwartsphilosophen, die in sehr lockerem Rahmen stattfanden, oft gab es noch Musik und kleine Ciabattabrötchen, die mit Käse überbacken waren.
Der Gegenwartsphilosoph sprang immer mit einer Behendigkeit und Leichtigkeit auf die Bühne, die man von einem Philosophen zuvor nicht gekannt hat und er hatte eine sehr eingängige und angenehme Art, zu reden.
Oft hatte er die Hände in den Hosentaschen oder schlürfte an einer Milchkaffeetasse, während er so Sätze sagte, wie: Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, aber die Wahrheit kann man nicht schauen, es kommt darauf an, das Leben zu leben !“
Das Leben zu leben ! Das war die Losung dieser Jahre und all die Last und Schwere, all das undeutliche Fragen und diffuse Unzufriedensein mit sich selbst und der Welt hatte ein Ende.
Solche Sätze schwirrten in unseren Köpfen umher und manchmal nachts, wenn wir aufwachten, hatten wir das Gefühl, als würden zwei hauchdünne, weiße Flügel aus unserem Rücken wachsen.
Das Leben zu leben, das hört sich leicht an und es ist auch leicht und soll ja auch leicht sein, aber man muss an diese Leichtigkeit glauben, denn wenn man daran zweifelt, dass es leicht ist, einfach zu leben, dann ist es tatsächlich plötzlich nicht mehr so leicht und man gerät in einen gefährlichen Strudel der einem den Weg zur Leichtigkeit, wenn man Pech hat, für immer verbauen kann.
Aber A. und ich hatten immer einen sicheren Abstand zu einem solchen Strudel, wir fuhren gleich nach den Lesungen des Gegenwartsphilosophen in ein naheliegendes Café und tranken jede Menge Milchkaffee. Dazu gab es manchmal noch kleine Amarettokekse und A. wiederholte einzelne Aphorismen des Gegenwartsphilosophen, wenn man das so nennen kann, und die Nachmittage verbrachten wir am See und Abends gingen wir in eine Bar, wo wir einige nicht allzu teure Weinsorten tranken und, gewissermaßen von Selbstüberzeugtheit berauscht, erotische Erfüllungen fanden, die wir in den Jahren zuvor verzweifelt und vergebens gesucht hatten.
Unser Empfinden war also von dem Bewusstsein bestimmt, das man auch in den traurigsten Zuständen des Lebens eine Leichtigkeit finden kann und deshalb war die Melancholie des Herbstes, der nach dem Sommer kommen musste, eine andere als sie in den Jahren vorher gewesen war.
Vorher war es nämlich immer so, dass man die Melancholie nicht als Melancholie sondern einfach als etwas Unaussprechliches empfand, das einem wie eine unerträgliche Last im Magen lag und von dem man fürchtete, dass es von Tag zu Tag schwerer und schlimmer werden könnte.
Jetzt war es die Melancholie, die altbekannte, schöne Krankheit, die immer um diese Jahreszeit kommt und der man sich für eine Zeit suhlen kann, weil man weiß, dass sie vergänglich ist, so, wie alles vergänglich ist im Leben.
Dieser Herbst war auch in anderer Hinsicht ein Besonderer. A. und ich hatten unseren Abschluss geschafft und wir waren jetzt frei von sämtlichen Verpflichtungen dieser Art.
Wie alle anderen, waren auch wir am überlegen, wie wir unser Leben jetzt weiterleben wollten.
Es war dieser Montag im Herbst, als mir A. vorschlug, nach Leipzig zu gehen. Ich war relativ schnell begeistert, weil man von Leipzig schnell in Berlin sein konnte und weil in Leipzig einiges geht, das hatte ich schon oft gehört, weil Leipzig nach Berlin eine der Hauptstädte dieser neuen Leichtigkeit war, die sich überall breitmachte und die selbst die grau hinterlassenen Städte des ehemaligen sozialistischen Versuchs in blühende Landschaften des leichten Lebens verwandelt hat.
Also fuhren wir mit A.’s Käfer nach Leipzig und suchten uns eine Altbauwohnung im Westen der Stadt, die wir zu zweit bezogen, wobei wir später noch einen dritten Mitbewohner dazu nahmen.
Die Tapeten in der Küche hatten wir mit Weisheiten und Ratschlägen des Gegenwartsphilosophen behängt, die von den meisten Besucherinnen und Besuchern unserer WG relativ schnell bemerkt und durchweg positiv kommentiert worden sind.
Nachts hatten wir oft weibliche Begleitung in unseren Zimmern, flüchtige Bekanntschaften, die allesamt damit einverstanden waren, die Sache auf einer gewissen Ebene des Einmaligen und Unverbindlichen zu belassen, weil die Liebe ohnehin vergänglich ist, so, wie alles vergänglich ist im Leben.
Ich hatte sogar eine Arbeit. Wir hatten nämlich auf einer Feier zur Einweihung eines Kulturzentrums im Osten der Stadt R. kennengelernt, der mich gefragt hatte, was ich so mache und ich hatte geantwortet, dass ich an der Universität eingeschrieben sei.
Ich könne es mir ja überlegen, hatte R. gemeint, er hätte da vielleicht etwas für mich, ich solle einfach innerhalb der nächsten Tage mal bei ihm vorbeischauen.
Wenige Tage später war ich Mitarbeiter in R.’s Werbeagentur. Wir waren ein mittelgroßes Unternehmen und hatten Aufträge aller Art, vom Werbeplakat bis zum Firmenlogo.
Ich half beim Drucken der Plakate und war auch an der Erfindung einiger neuer Werbeslogans beteiligt. Die Atmosphäre in R’s. Werbeagentur war ausgesprochen locker. Es gab nie eine größere Auseinandersetzung, wir hatten noch nicht einmal offizielle Verträge. „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“, hatte R. immer gesagt. R. war kein gewöhnlicher Chef, sowie man sich einen Chef vorstellt, er war vielmehr ein ganz gewöhnlicher Mitarbeiter mit der Besonderheit, dass er bestimmte verwaltungstechnische Aufgabenbereiche übernommen hatte und dementsprechend eine etwas höhere Verantwortung trug, als wir anderen. Mittags holte R. oft Pizza von H.’s Pizzaservice, der gleich nebenan war und mit R. hatte ich immer gute Gespräche, besonders wenn es um Nora ging. Er hat mir immer gute Ratschläge erteilt, R. hat sich immer gut verhalten.
Nora habe ich im Frühling 2008 kennengelernt. Das war nach einem Konzert in der Mule I, ich hatte sie während der Soloeinlage des Trompetenspielers bemerkt, sie stand am rechten Rand des Zuschauerraumes und hatte ihre Schulter an den Türrahmen gelehnt. Während des ganzen Konzertes war sie sehr ruhig gewesen, aber jetzt, während des Trompetensolos fiel sie mir auf, weil sie sehr heftig mit der rechten Hand den Rhythmus mitschlug und dazu mit dem Finger schnippte.
Nach dem Konzert ging ich auf sie zu und fragte, ob sie Feuer für meine Zigarette habe. Sie sagte: „Ja“ und holte ein rotes Feuerzeug aus ihrer Tasche. Ich lud sie auf ein Glas Wein ein fragte sie, ob ihr das Trompetensolo gefallen habe. „Ja, sehr“, sagte sie.

Man könnte jetzt glauben, dass mit Nora das leichte Leben und all das, was man liebt an einem solchen Leben, zu Ende gewesen wäre.
Aber ich glaube, vieles, was die Leichtigkeit des Seins anbetraf, hatte jetzt erst begonnen.
Nora und ich fuhren einige Wochen später nach Köln, es war jetzt schon fast Sommer, der Rhein war voll mit leicht bekleideten, glücklichen Menschen, wir besuchten ihre Familie, die dort lebte und als wir uns im Volksgarten auf eine der abgelegenen Parkbänke setzten, sagte mir Nora, dass sie mich wirklich sehr lieben würde und ich erwiderte, dass für mich das gleiche gelte.
Im Herbst zog Nora zu uns in die Wohngemeinschaft ein, wir hatten noch ein viertes freies Zimmer, die Miete im Westen der Stadt ist noch immer teils so niedrig, dass man gut eines der Zimmer einfach als gemeinsames Wohnzimmer einrichten kann.
Jetzt waren wir also zu viert in unserer Leipziger Altbauwohnung, das Leben nahm natürlich trotzdem seinen gewohnten Lauf. Meine Beziehung zu A. war weiterhin sehr intensiv, wir gingen, obwohl ich jetzt eine etwas festere Freundin hatte, immer noch oft zu zweit aus und die Nächte waren das Erlebnis, das sie immer gewesen waren.
Nora und A. vertrugen sich gut, wir kauften jeden Samstag zusammen auf dem Lindenauer Markt Gemüse ein und gingen oft Abends in die Kneipe oder saßen mit einem Glas billigen Rotwein in der Küche, deren Wände nach wie vor mit Weisheiten des Gegenwartsphilosophen tapeziert waren.
Es wurde Winter. Ich arbeitete Wochentags meistens bis um zwei oder drei Uhr in R’s. Werbeagentur und danach unternahm ich etwas mit Nora oder ging zu einer neu gegründeten Improvisationstheatergruppe, die sich im Osten der Stadt traf.
Am Wochenende schlief ich den ganzen Tag oder ich ging ich mit Nora an der Elster spazieren. „Glück ist wie Schnee“, sagte Nora einmal, als es geschneit hatte. „Man kann ganz zugedeckt sein damit, aber wenn man versucht, es anzufassen oder festzuhalten, schmilzt es einem in der Hand und da ist nichts, als Wasser.“
„Schöner Satz“, sagte ich und wir beobachteten die Vögel, die trotz der Kälte noch hier waren und gingen dann in das große Café im Park, wo ich Nora und mir einen warmen Apfelstrudel bestellte.

Es war an einem Montag. Ich stand morgens relativ früh auf, duschte mich und ging in die Küche, um mir ein Brot zu schmieren. Ich hatte gerade mein Messer an das Brot angelegt, als die Küchentür aufging und Nora hereinkam. Sie trug ein zerknittertes Nachthemd und wirkte auffalend müde und erschöpft.“Nora !“, sagte ich. „Was bist Du schon so früh auf ?“ „Es ist manchmal gut, früh aufzustehen“, erwiderte sie. „Ja“, antwortete ich, „das ist wahr“. Und sie setzte sich an den Küchentisch und trank eine Tasse Milch. „Ich wusste gar nicht, dass du morgens Milch trinkst“, sagte ich. „Aber manchmal ist es doch gut, morgens eine Tasse Milch zu trinken“, antwortete sie.
„Ja, sagte ich, „das ist gut möglich.
Und Nora stand abrupt von ihrem Küchenstuhl auf und ging in Richtung des Flurs. „Ich muss jetzt los !“, sagte sie. „Wohin ?“, fragte ich. „Ach…,“, sagte sie, „ich habe einen Termin“. In diesem Moment fiel aus ihrer Umhängetasche, die sie sonderbarerweise über dem Nachthemd trug, ein kleiner blauer Brief heraus, den sie sie hastig und sichtlich nervös wieder aufhob.
„Was ist das für ein Brief ?“, fragte ich. „Ach…“, sagte sie, „nichts Wichtiges. Nur ein leerer Umschlag“. Und sie steckte den Brief zurück in ihre Tasche und verließ die Küche.
Ich schnitt mir eine Scheibe von meinem Brot ab und steckte das Brot zurück in die Brottüte. Ein sonderbares Misstrauen stieg in mir auf, dass ich noch den ganzen Morgen versuchte, loszuwerden.
Aber die Seltsamkeit dieser Begegnung lag mir noch lange Zeit in den Knochen.

Später fuhr ich mit der Straßenbahn zu R’s. Werbeagentur . Er begrüßte mich wie immer, fragte mich nach meinem Wochenende und bot mir einen Kaffee an.
Ich wollte mich gerade an meinen Platz setzen und einige übrig gebliebene Werbeplakate mit Klarsichtfolie bekleben, als er zu mir kam und mich fragte, ob ich vielleicht Lust hätte, den Kaffee mit ihm zusammen drüben im Aufenthaltsraum zu trinken.
„Naja, warum nicht ?“ sagte ich. „Du kannst das mit den Folien ja später machen“ meinte er. „Okay“, hatte ich gesagt.
Als wir dann im Aufenthaltsraum ankamen, setzte R. plötzlich eine betretene Miene auf und begann, schwer zu atmen.
„Was ist ?“, fragte ich. „Gibt ‚n Problem“ meinte R.
„Wieso, fragte ich, was für ein Problem ?“
„Hast du in den letzten Tagen Zeitung gelesen oder Nachrichten geschaut ?“, fragte R.
„Wir haben keinen Fernseher und abonnieren auch keine Zeitung“, antwortete ich.
„Aber sicher hast Du die Schlagzeilen gelesen oder hier und da etwas gehört“, sagte R.
„Was gehört ?“, antwortete ich.
„Von der Krise“, meinte R. „Welche Krise?“ erwiderte ich.
„Die Finanzkrise“, sagte R.
„Ja“, sagte ich, „das ist schlimm, aber ich habe mein Geld glücklicherweise bei der Sparkasse angelegt.“
„Ich aber nicht“, sagte R.
„Oh“, sagte ich, „Wo hast du denn angelegt“
„Ich habe Papiere gekauft, die wiederum mit einer New Yorker Bank zusammenhängen, die jetzt pleite ist“, sagte R.
„Oh“, sagte ich wieder, „wieviel denn, dein ganzes Erspartes ?“
Und als er nichts antwortete, sagte ich: „Wenn du Geld brauchst, kann ich dir jederzeit etwas leihen.“
Und er lächelte mich fast mitleidig und sagte: „Ich habe nicht mein persönliches Ersparnis dort angelegt“ „Ich habe als Unternehmer investiert und zwar in einem etwas zu hohen Maßstab, als dass du mir da mit deinem Privateinkommen aus der Patsche helfen könntest.“
„Du hast das von demGeld der Werbeagentur Aktien gekauft“?, fragte ich.
„Natürlich“ sagte R., „das machen alle“.
„Oh…“, sagte ich, „und jetzt ?“.
Ralph setzte sich und legte mir seine Hand auf die Schulter, atmete schwer und sagte: „Ich sag‘ Dir das echt nur ungern, du hast hier immer gut mitgearbeitet“.
„Was sagst Du mir ungern?“, erwiderte ich.
„Dass es vielleicht besser ist, wenn Du ab heute erst einmal nicht mehr so oft kommst“
„Ab heute erst einmal nicht mehr so oft ?“, sagte ich, „was zum Teufel meinst Du denn damit ?“
„Ich kann Dich nicht mehr bezahlen“ sagte R., „es ist schade, ich weiß, aber so ist es nun einmal“
„Es ist schade, ich weiß, aber so ist es nun einmal“, das war die letzte offizielle Aussage, die ich von R. zu diesem Thema gehört habe. Was bildete er sich ein ? Ich habe 4 Jahre lang in R’s. Unternehmen gearbeitet, warum feuerte er mich jetzt an einem solchen Montagmorgen bei einer Tasse Kaffee im Aufenthaltsraum von seiner Werbeagentur ?
Ich stand etwa eine Viertelstunde so umher, ich wollte erst an meinen Platz zurückgehen, aber dann fiel mir ein, dass es jetzt wahrscheinlich keinen großen Sinn mehr machen würde, die übrig gebliebenen Werbeplakate von letzter Woche mit Klarsichtfolie zu bekleben.
Also ging ich auf die Toilette, weil es der einzige Ort war, der mir angemessen schien für einen Mitarbeiter von einem Status, wie ich ihn nun hatte.
Ich stand noch keine 3 Sekunden an meinem Pissoir, als die Tür aufging und R. hereinkam und sich an das Pissoir rechts neben meinem Pissoir stellte. „Tut mir echt voll leid“, meinte er, „nächstes Mal besser“
„Das nächste Mal“, was konnte das bedeuten ? Ein nächste Geschäft, dass er irgendwann einmal eröffnet ? Oder ein zweites Leben, an das er möglicherweise glaubte ? Von welch rätselhafter Undurchschaubarkeit wahr R’s Wortwahl in diesen Tagen ? Was war geschehen ? Wie kann man solch ungeheure Geldmassen, wie R. sie aufgrund der wachsenden Konjunktur der Werbebranche besessen haben muss, von einem Tag auf den anderen verlieren ?
Mit Überlegungen dieser Art verließ ich das Gebäude von R.’s Werbeagentur.
Draußen regnete es. Der Schnee war geschmolzen und mich umfing eine Stimmung, die mich an einen Februar vor vielen Jahren erinnerte, obwohl es jetzt kein Februar war, sondern Dezember.
Ich überlegte, wohin jetzt gehen sollte, wohin soll man schon gehen an einem solchen Tag ?
Ist es vielleicht das klügste, nirgendwohin zu gehen ? Aber irgendwohin muss man gehen ! Ich kann mich nicht erinnern, je unter dieser Tatsache gelitten zu haben, doch an diesem Tag, als ich auf dem Vorhof von R.’s Werbeagentur stand, stieß sie mir plötzlich auf, wie der fremde Geschmack eines verdorbenen Essens, von dem man ganz vergessen hatte, dass es einem noch im Magen liegt.
Es dauerte noch einige Zeit, bis ich mich endlich auf den Weg machte.

Es roch. Ich glaube, nach Schwefel, es muss nach Schwefel gerochen haben, da bin ich mir fast sicher, ich weiß nicht wie es dazu gekommen sein könnte, zu diesem Schwefelgeruch, was die Ursachen waren, aber es roch in jedem Fall, ein solcher Geruch ist unverkennbar.
Die Tür sonderbarerweise verschlossen, ich weiß, A. hat das oft gemacht, die Tür von innen zu verschließen, er war misstrauisch in diesen Dingen, ich habe nie ganz verstanden, warum.
Im Flur dann eine seltsame Leere. „Warum ist es so leer ?“, dachte ich, „warum nur so leer ?“
In meiner Hand hatte ich eine Tüte, eine Tüte mit Pilzen, das Knistern dieser Tüte erfüllte den leeren Flur mit einem sonderbar fremdartigen Klang.
Ich ging zu ihrem Zimmer, die Tür stand offen, „Bist Du hier ?“, rief ich leise.
Aber es war nichts, das Zimmer war leer.
In der Küche lag einiges benutze Geschirr, das ich heute morgen noch nicht dort gesehen hatte.
„Es muss jemand etwas gegessen haben“, dachte ich.
Ich ging zu seinem Raum. Es war das Zimmer ganz hinten links. Die Tür war ganz verschlossenen. Ich hob meine Hand, ballte die Finger zu einer Faust und bewegte sie schnell auf die Tür zu.
Es müssen Millimeter gewesen sein, vielleicht ein Bruchteil eines einzelnen Millimeters zwischen meiner Faust und der Tür, als ich es hörte. Man reagiert so sonderbar schnell in diesen Momenten. Die Seltsamkeit eines ganzen Daseins rinnt zusammen in einem solchen Geräusch. Und ich klopfte nicht an die Tür, sondern nahm meine Tasche, stolperte zur Wohnungstür und rannte das gesamte Treppenhaus herunter, riss die Haustür auf und sprang ins Freie, wo mir ein plötzlicher Windhauch entgegenkam, den ich gierig einatmete, wie etwas, dass man lange Zeit nicht gehabt hat und dass man doch unermesslich dringend braucht, weil man sonst nicht leben kann.

Und ich rannte verschiedene Straßen entlang, breite Straßen, auf denen der Verkehr wie ein gewaltiger Wasserstrom rauschte und das Geschrei einer Straßenbahn, das irgendwo von weither aus der Ferne kam, drang an an mein Ohr und mischte sich, mischte sich mit dem Geräusch, das noch immer dort war und das nicht mehr weggehen würde, weil ein solches Geräusch einen für immer begleitet.
Und schräg über mir knallte ein Fenster zu, knallte zu stark, denn man hörte das Glas in Scherben zerfallen und die Scherben in kleine winzige Einzelteile, die jetzt überall dort oben umherliegen mussten. Wie schwer muss es sein, diese feinen und in allen möglichen Winkeln versteckten Splitter einer solchen Fensterscheibe aufzusammeln ?

Und irgendwann stand ich vor einem Haus. Einem großen, gewaltigen Gründerzeithaus. Und ich öffnete die Haustür und rannte in den Flur, wo ich zwischen zwei großen Flügeltüren hindurchging und dann die Treppen heraufsprang, bis ich vor einer Wohnungstür stand, an die ich anklopfte.
Ein fülliger Mann in meinem Alter öffnete mir. Er hatte eine Halbglatze aber dennoch etwa schulterlange, rote Haare.
„Komm herein“, sagte er, „ich habe dich lange nicht gesehen.“
Wir gingen direkt in sein Wohnzimmer, wo er mir einen blauen Sessel anbot, auf den ich mich keuchend und seltsam erschöpft niederfallen ließ.
Ich guckte mich in dem Wohnzimmer um. Ich war eine Zeit lang oft hier gewesen, aber es hatte sich inzwischen einiges verändert. Das Sonnenlicht schien immer noch sonderbar hell durch die Fensterscheiben hindurch, aber an den Wänden hingen jetzt eine ganze Reihe von Regalen, die vorher nicht dort gehangen hatten. Und auf den Regalbrettern standen einige Töpfe in verschiedenen Farben, die äußerst kunstvoll gestaltet waren und von denen ich nicht wusste, ob sie nur zur Dekoration dort standen, oder ob sie etwas beinhalteten, etwas, das man speziell in solchen Töpfen aufbewahrt.
Nach einer Weile erkundigte er sich, wie es mir ginge. „Ach…“, erwiderte ich, „wie soll es einem schon gehen ?“ Er setze sich auf einen weiteren blauen Sessel, der einige Meter neben meinem blauen Sessel stand und fragte dann, ob etwas nicht in Ordnung sei.
Und ich erzählte ihm alles, was geschehen war.

„Hast du wirklich diesen Freund dort oben in deiner Wohnung ?“, fragte er mich, nachdem ich meine Erzählung beendet hatte. „Natürlich !“, antwortete ich, „meinst Du etwa, ich hätte ihn die ganzen Jahre nur erfunden ?“
„Man weiß nie“, erwiderte er. „Ich kannte einmal jemanden, der mir jahrelang von seinem schwarzen Vogel erzählte, zu dem er scheinbar eine ungewöhnlich starke Beziehung gehabt haben musste, denn er war ständig verreist in die fernsten Orte Welt, um sich mit anderen Vogelhaltern zu treffen und er hatte seinem schwarzen Vogel bestimmte seltene Fähigkeiten beigebracht, die den Vogel zu einer Gruppe von besonderen Vögeln machte, von denen es über alle Länder und Sprachen verteilt nur wenige gab. Dieser schwarze Vogel, so hatten wir alle angenommen, bestimmte sein Leben, er schien seine einzige wirkliche Leidenschaft zu sein“.
Eines Tages traf ich ihn in einem Cafe und fragte ihn, wie es seinem Vogel ginge.
Und er antwortete mir, dass ihm der Vogel entflogen sei.“
Aber die Gerüchte verhärteten sich, dass er nie einen solchen schwarzen Vogel besessen hatte.

Und ich stürmte wiederum Treppen herunter, wieviele Treppen kann man an einem Tag herauf- und herunterlaufen ?

Und dann kam ich in ein Gebiet der Stadt, wo ich noch nicht gewesen war. Der Lärm der großen Straßen und diese ungeheure Fülle an Autos und Fahrradfahrern wurde nach und nach weniger und ich kam an eine Kreuzung, wo ich bemerkte, dass es aufgehört hatte, zu regnen
Und auf der gegenüberliegenden Seite begann eine Allee, die ich entlanglief und weiterlief und immer weiterlief, bis ich irgendwann ganz außer Atem war.
Und ich drehte meinen Kopf nach oben und blickte in die Baumkronen die von links und rechts ineinandergriffen und ein verworrenes Muster ergaben, dass mich an etwas erinnerte, ein Erlebnis, dass ich vor sehr langer Zeit einmal gehabt hatte und dass jetzt in der Luft lag, so, als wäre es nie vergangen, so, als wäre auch dieser Tag noch ein Teil dieser Erfahrung.

Und als die Allee fast zu ihrem Ende gekommen war, kam aus einer Seitenstraße ein kleiner hellhaariger Junge auf einem Fahrrad herausgefahren. Er fuhr direkt vor meine Füße, wo er abrupt stoppte. Er schaute mich an und ich erschrak, denn ich erkannte ihn. Und er hielt eine Kiste in seinen Händen, in deren Deckel mehrere Löcher gebohrt waren und ich fragte mich, was für eine Kiste das sei und was man darin aufbewahrt. Und der Junge lächelte mich an und öffnete die Kiste, aus der ein großer schwarzer Vogel herausgeflogen kam.
Und der Vogel flog bis zum Ende der Allee und setzte sich auf das Dach eines großen Hauses, das dort stand.
Und aus dem Haus schallte Musik zu mir herüber, die ich gut kannte und die ich oft gehört hatte.
Und ich betrat das Haus und war überrascht. Denn es war voll mit Menschen, die zu der Musik tanzten und es gab ein großes Buffet, dass in der Mitte des Raumes aufgestellt war und in dem hinteren Teil des Raumes sah ich eine Bühne, auf der eine Gruppe von Musikern stand.
Ich überlegte, was ich jetzt tun sollte. Für eine Moment schien es mir das Beste, wieder zurück zu der Wohnung zu gehen. Aber ich wusste kaum wo ich war und ob ich wieder zu meiner Wohnung zurückfinden würde und was sollte man schon in einer Wohnung, in der es solche Geräusche gab ?
Außerdem wurde es draußen allmählich dunkel und es schien mir unvernünftig und sinnlos, jetzt wieder zu gehen, wo man doch hier zumindest noch für Weile bleiben konnte.
Und ich wollte mich einfach unter die Tanzenden mischen, denn sie waren sehr viele und ich überlegte mir, dass es sicher schön sein müsste, unter einer so großen Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern zu sein. Doch dann bemerkte ich, dass es nur Paare waren, die dort auf der Tanzfläche tanzten und dass es vollkommen unmöglich war, sich als Einzelner einfach unter diese Paartänzer zu mischen.
Also bewegte ich mich zu der linken Seite des Raumes, wo ein weiteres Buffet aufgebaut war.
Da es hier eine unüberschaubare Menge an Gästen gab, schien es mir ungefährlich, einfach einen der Teller zu nehmen und mir etwas von der ungewöhnlichen Vielfalt dieses Buffets auszusuchen.
Ich wollte mir gerade etwas Salat auf meine Schüssel geben, als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte.
Ich drehte mich und sah, dass es A. war. „A“, rief ich, „was machst Du hier ?“ „Und Du ?“, antwortete er und lachte. „Ich ?..“, sagte ich, „ich bin nur zufällig hier.“ „Zufällig ?“, sagte A. „Was soll denn das bedeuten ?“. „Ich bin die Allee, die zu diesem Haus führt entlanggelaufen und bin dann zufällig hierher gekommen.“ „Aber“, antwortete J., „ich hatte Dir doch gesagt, dass hier in diesem Haus heute dieses Fest stattfinden würde.“ „Das hattest Du mir gesagt ?“, erwiderte ich verwundert, „Nein, daran kann ich mich nicht erinnern.“ „Es ist schon seltsam“, sagte A., „dass du dich an manche Dinge, die man Dir sagt, bereits einen Tag später nicht erinnern kannst.“ „Ja“, erwiderte ich, „es ist seltsam“. Und A. Lachte ungläubig und sagte : „Du Spaßvogel“.
„Ist Nora auch hier ?“, fragte ich. „Nora ?“, fragte A. „Wie soll Nora hier sein, Nora ist doch verreist.“ „Sie ist verreist ?, sagte ich. „Nein, das ist nicht wahr, wohin soll sie denn verreist sein“ ?
„Kennst Du das Leben deiner eigenen Freundin nicht ?“, erwiderte A. und starrte mich verwirrt an.
„Sie ist nicht verreist !“ rief ich, „Nora ist nicht verreist, das müsste ich doch wissen !“
„Natürlich ist sie verreist“, erwiderte A. Ruhig, „warum sollte ich es dir sonst erzählen ?“
„Aber“ sagte ich, „ich habe heute Mittag, als ich kurz zu Hause war, oben aus deinem Zimmer ein Geräusch gehört.“
„Was für ein Geräusch ?“, antwortete A.

Dann gingen wir auf die andere Seite des Raumes. Von hier aus hatte man eine weit bessere Sicht über die Tanzfläche, als von dort, wo wir vorher gestanden hatten.
Und A. holte einen Rotwein nach dem anderen. „Kostbarer, trockener Burgunderwein“, sagte er und reichte mir das Glas. Und ich trank all die Gläser, bis oben hin mit kostbarem Pinot gefüllt, bis allmählich der Rausch in mir aufstieg. Und noch immer spielten die Musiker und die Musik drang an mein Ohr und mischte sich, mischte sich mit dem Geschrei der Tanzenden, die weniger geworden waren aber jetzt in eine seltsam ausgelassene Stimmung gerieten.
„Schade“, sagte ich, „dass man nur als Paar dort tanzen kann.“
„Ja, sagte A., „das ist schade. Aber vielleicht können wir uns zwei Tanzpartnerinnen finden.“
Und wir gingen auf zwei abseits stehende Frauen zu und fragten sie höflich, ob sie mit vielleicht mit uns tanzen würden. Aber die Frauen schauten sich gegenseitig an, lachten und schüttelten den Kopf.
Und wir suchten auf dem gesamten Fest nach zwei Tanzpartnerinnen. Aber alle Frauen, die wir ansprachen, wollten nicht mit uns tanzen. Wir mussten mindestens zwei Dutzend Frauen angesprochen haben, als A. plötzlich meine Hand nahm und sagte: „Dann tanzen wir eben so“.
Und A. und ich gingen auf die Tanzfläche und tanzten. Zunächst fühlte es sich schon ein wenig sonderbar an, aber nach und nach fanden wir einen Rhythmus und die Töne eines Trompetensolos drangen an mein Ohr und mischten sich, mischten sich dem Klang meiner eigenen Tanzschritte.
Und für einen Moment dachte ich an Nora und ich stellte mir vor, wie sie reiste, durch die fremdesten und entferntesten Orte der Welt.
„Aber das Geräusch!“, sagte ich wieder zu A. „Welches Geräusch ?, erwiderte A., lass das, es ist nichts mit diesem Geräusch.“ Und nach einer Weile sagte er: „Sieh nur, wie wenige Tanzende noch auf der Tanzfläche sind.“ Und ich schaute mich um und stellte fest, dass der Raum, verglichen mit vorhin, ganz leer geworden war. Aber die Musiker spielten noch immer und lächelten uns freundlich entgegen.
Und wir tanzten bis in den frühen Morgen hinein.

Ein Büroangestellter

Büroangestellter

Ein kleines Bildchen, dass ich auch „Welcome to the soldier side“ nennen würde….

Eine Utopie

Auf die Gefahr hin, dass ich wieder einmal vorwegnehme, worauf unsere – hoffentlich zahlreichen – Leser selbst kommen mögen, steuere ich Folgendes dennoch bei – vielleicht auch, weil es „nur“ eine Utopie meinerseits ist:

Arbeit, Konsum, Kultur – eine Utopie

Die Rechnung ist verblüffend und verlockend einfach: Weniger Angebot und Nachfrage und somit weniger Ausgaben und Arbeit bezüglich Güter der Rüstung (um die Welt im Großen anzusprechen) und des Konsums (um vor allem die kleinen, privaten Welten anzuschreien) zugunsten der Kultur.
Ich spreche von einer Sinnverschiebung, einer Sinnaufwertung, ja! sogar von einer vielleicht erstmaligen Sinnverleihung unserer Existenzen.
Der Mensch durchschreitet sein Leben freilich, um zu leben (nebenbei sei bemerkt, dass unser Ausbildungs- und Arbeitsverhalten, wie es bisher – und ich wage zu behaupten, dabei zur Perversion verzerrt in den letzten 200 Jahren – war und welches sich ja leider durch unser beinahe ganzes Leben zieht, den Gedanken „Leben des Lebens wegen“ erstickt und verstummen lässt und Pausen – in seiner vielleicht baldigen Vollendung – einzig im Konsumieren duldet).
In meiner Utopie schließt „Carpe diem!“ nun ebenfalls ein, dass die Menschen leben, um das Vergangene zu betrachten und um so ihre Gegenwart zu verstehen, sie in ihrer Gänze aufnehmen zu können und daraus eigene Kultur-Welten zu schaffen. Der Mensch arbeitet auch in meiner Utopie. Doch er bedarf nur noch eines Bruchteils des Konsums, dessen er heute bedarf und er arbeitet vor allem an Kultur. Ich stelle mir statt der sinnlos aufgeblähten Luftblasenkonzerne, die nichts als muffige Luft verbreiten, unzählige einzelne Künstler, kleine Künstler- und Kulturgruppen, aber auch große, riesige Kulturwerkstätten vor; nicht, um bloß miteinander zu konkurrieren und nicht, um abzulenken, wie es Holly- und Bollywood zuweilen tun, sondern, um den Menschen mit all seinen problematischen und wunderbaren Facetten, die beide weiterhin bestehen werden, aufzuspüren. Ich stelle mir Milliarden von Menschen vor, die auf verschiedenster Art und Weise kulturbegeistert sind. Was gibt es dann Alles zu tun, zu arbeiten, finanziell zu fördern! Und niemand erleidet dabei einen Schaden, denn die Welten gelebter Gefühle und Phantasien bleiben vor allem eins: fiktiv. Der Mensch lebt, um Anderen einen Blick auf seinen eigenen Kosmos zu bieten, den er selbst in all den Jahren, die er auf unserer Erde wandelt, von immer wieder neuen Seiten entdeckt und verstehen lernt. Es ist die Veredelung des menschlichen Miteinanders, der Kommunikation und vor allem des eigenen Seins als Einssein mit der Erde, die uns hervorgebracht‘.

Ein kurzer Blick auf ein Stück ungelebtes Leben

Heute

Gabi sitzt hinten im Maschinengefährt und rollt Prospekte in Zeitungen ein.
Ihr Mann – verblasst – sitzt vorn am Steuer; auf dem Sitz neben ihm stapeln sich die Blätter.
Und Gabi schaut auf ein solches und stiert und starrt und denkt sich fern von dieser Welt.
„Könnt‘ ich noch in Kroatien sein, ich wäre eine Brunnenmaid, kurbelte und zöge die Eimer aus dem Wasser. Ach! als ich vergangen war und die Frucht in den Händen hielt, empfahlen sie’s mir:
‘ Kindchen! Lass nur das Steinchen fallen.‘ Ich glaubte’s nicht. ‚Kleines Ding, Du bist zu jung dafür. Kind, wir befehlen’s Dir! Lass den Pfirsich fallen, jetzt und hier!‘
Und ich ließ die Frucht fallen und ich ließ die Liebe hängen und ließ sie fallen.
Heute gehörte sie Allen, doch vertrocknet mag sie Keinem mehr gefallen.“
Und weiter rollt Gabi Prospekte in Zeitungen ein.

Die Freude – Lernen

Die Freude – Lernen

(Gedanken nach einem Gespräch mit einer Pädagogin über Erziehung in der ersten öffentlichen Schule unseres Lebens – dem Kindergarten)

Nicht nur Freude am Lernen; es ist auch die Freude als solche, die wir den Kindern beibringen, näher bringen oder schlicht und einfach lassen sollten. Die Freude am Lernen bedingt schließlich die Freude und vielleicht ist mehr noch als Wille, Ansporn, und Bestreben zum Lernen das Vergnügen an der Freude für das Stadium des Kindseins wichtig und geradezu kostbar.
Aber vergeuden wir nicht die effizienteste Phase des Lernens überhaupt, wenn wir das Kind nicht bereits in seinen ersten Jahren beständig und mit Eifer zum Wissen führen, mag man mich fragen.
Darauf antworte ich, indem ich mich für einen interessanten Blickwinkel bedanke, nämlich für den, der die Reize einbezieht. So glaube ich nämlich, dass es vor allem die Kinder sind, die unter der Reizüberflutung, die uns alle be-trifft, leiden. Die Erfahrung jener Pädagogin, mit der ich mich unterhielt, zeigten ihr, dass der tägliche Kindergartenbesuch den Kindern vielleicht ein Vergnügen, vor allem aber auch eins bedeuten: harte Arbeit und ernster Leistungsdruck. (Und ich spiele hierbei nicht auf Elite-Kinder-Vorschul-Gärten an, die ihren Kleinen bereits vor der Einschulung zwei, drei, vier Fremdsprachen und physikalisches, chemisches, algebraisches Vorwissen etc. pp. einflößen. Nein!; ich ziele auf die gängigen, ganz normalen Kindergärten.)
Wie wertvoll sind die Momente der puren Freude, des Sich-Entfernens vom Geiste hin zu dem, was das Wesen eines Kindes im Eigentlichen ausmacht!
Je früher wir Gehetzten, Vergeistigten, Rationalisierten, Kantgesichtigen, Zahnräder es lernen, uns zu entspannen und innezuhalten, desto besser ist es für uns.
Ich gehe noch einen Schritt weiter – zurück – und behaupte gar, dass es das entspannte Innehalten in der Freude ist, welches uns allgemein friedlicher stimmen könnte.
Denn das Kind ist es, das die seltsame Fähigkeit besitzt, Dinge, die keinen Schaden verursachen, weil sie nichts zerstören, ebenso wenig jedoch etwas erschaffen, sondern schlicht den reinen Moment verkörpern, nicht als langweilig, sondern als freudig zu ersehen.
Wir schreiten fort, vorüber, sehen das Funktionslose nicht; doch das Kind bleibt stehen, denn es sieht ein Blatt im Wind – und weiß sich darüber zu freuen…

Abgesang

Die Zeitgeister, die ich rief, zersetzen nun…..Maschinenhirn! Zu schwach, der falsches Sein zerschlagende Wille, zernagt, von innen ausgehöhlt, leere, vertrocknete Hüllen bleiben zurück, die den Schein wahren, gehorchende Benutzbarkeit, das Chaos reglementierend, unwissend wissend, leblos liegengeblieben!
Befreiende Wut, schöpferische Gewalt, Zertrümmern der tödlich modernen Illusionsrealität, pervertierter Normen-und Moralschlamm, die Ursuppe aus vergangenem Grau.
Panikartig rettendes Erkennen, um in unvorstellbaren Springfluten, Sphärengedankenbsplitter, des absolut selbst Erfühlten aufzutauchen, aufzuwachen, die eigene Existenz muss nicht mehr geleugnet werden!

Eine kleine Spielerei


Einige Anregungen zur Gestaltung

Radiohead - OK Computer Front

Beides sind Gestaltungen zum Album „OK Computer“ von Radiohead

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Komar und Melamid - ein Zitat

Ein Kunstwerk des SozArt-Duos Komar&Melamid mit dem Titel „Ein Zitat“. Die russische SozArt kann uns sowieso beste Anregung insbesondere für diese Ausgabe sein

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Malewitsch - die Roggenernte

Malewitschs „Roggenernte“

Die Arbeiter verhärten sich zu Zylinder und Kegelstümpfen…

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Pink Floyd - Animals

Albumcover zu Pink Floyds „Animals“ – eine, wie ich finde, äußerst gelungene Collage (die beinahe ECHT war)

Zwei Karikatur-Entwürfe 1. машина

машина (russ.) = Auto, Maschine

2. Feierabend

Da kommt er her, da will er hin

Hierauf bin ich gekommen, nachdem ich eine Modezeitschrift, die mir irgendwer in den Briefkasten geworfen hat, durchgeblättert habe und dabei auf einen „Artikel“ gestoßen bin, der sich tatsächlich folgendermaßen aufbaut: „Da kommt er [Das kleine verwöhnte Söhnchen des Megastars X.] her: … Bla, Bla, Bla… Da will er hin: … Bla, Bla, Bla“

Triumph

Triumph

Ein kleines Bildchen, das ich gemalt und „Triumph des Graus“ genannt hatte.
Für die Zeitschrift wäre mir jedoch „Triumph“ lieber. Der Rest ergibt sich ja.

Von Tomi Ungerer

Auf der Jagd
Auf der Jagd

arbeiten bis zur bahre

geburt-gehorchen-lernen-arbeiten-lernen-denken-NEIN!-rackern-rackern-lernen-schwitzen-schwitzen-placken-arbeiten-arbeiten-arbeiten-denken-NEIN!-schwitzen-produzieren-ducken-ausgezahlt bekommen-dienen-dienen-dienen-konsumieren-auskacken-arbeiten-heiraten-löhnen-arbeiten-ausgezahlt bekommen-kinder machen-konsumieren-auskacken-haus bauen-auskacken-fernsehen-auskacken-arbeiten-arbeiten-zahlen-zahlen-löhnen-löhnen-löhnen-danken-ducken-bitten-malochen-malochen-arbeiten-dienen-dienen-befördert werden-dienen-arbeiten-arbeiten-arbeiten-abarbeiten-verrenten-gehorchen-arbeiten-pflichten nachgehen-denken-NEIN!-fernsehen-bettruhe-tod

Pompeij – 2 Kurzprosa-Stückchen für die Lava

Kalter Krieg

Ein Mann läuft früh, 6 Uhr, durch die mobilisierte Fußgängerzone.
An der Front der großen Kreuzung bleibt die Masse stehen, denn die Ampel leuchtet Rot.
Der Mann läuft weiter – schlafend –
und wird von den Maschinen erfasst, überrollt.
Er war überarbeitet.

Stille (oder: Still-Stand)

„Junge! Ich sag‘ es Dir nur noch dieses eine Mal –
Lös‘ Deine Bremsen!
Du ewiger Träumer.“

(Eine Mutter zu ihrem Sohn, welcher im Rollstuhl sitzt, in der Immer-Vorwärts-Bewegung der Straßenbahn)

Die bisherigen Protokolle

Hier gibt es die bisherigen Protokolle zur Ansicht.

Protokoll 20.10.09

Protokoll 03.11.09

Protokoll 17.11.09

Protokoll 03.12.09

Protokoll 08.12.09

Protokoll 17.12.09

Unsere bisherigen Diskussionen können dort teilweise nachgelesen werden; einige frühere Entscheidungen sind natürlich wieder über den Haufen geworfen worden.