Erwache

Erwache und Lache.
Aus der „Alice im Wunderland“Phase.
So bin ich der Vergangenheit auf seltsame Weise treu.

Ich möchte…

…Euch jetzt einmal eine Geschichte erzählen von Einem, der einst ein gut situiertes Leben genossen‘; eine Geschichte von Einem, welcher guten Gewissens Unternehmen beraten hatte, plötzlich jedoch von den Unruhen seines Landes erfasst worden war und daher aus seiner Heimat fliehen musste.
Meine Geschichte verschlägt diesen Menschen in ein anderes Land – vielleicht in unsriges – und hier ist er nun: völlig auf sich allein gestellt, ohne Kenntnisse der neuen Sprache (denn der Sturm ließ ihn keine Zeit), schlichtweg isoliert. Es wird nun geschildert, wie er die erste Zeit – einige Wochen und Monate – tatenlos zusehen musste, wie er so gar nichts tun darf und wie er gegen die zunehmende, an Macht gewinnende Hoffnungslosigkeit, innere Entleerung und das äußere Abstumpfen mit selbst auferlegter Disziplin, mit Bibliotheksbesuchen und Einschreibungen in die Programme der mehr schlecht als rechten Kurse der Volkshochschulen anzukämpfen versuchte.
Ich werde in meiner Geschichte zeigen, was mit dem klugen und willensstarken Menschen passiert, als er schließlich als Lagerarbeiter in einer Glashüte unterkommt und sich fortan immer schwerer damit tut, ein Mensch zu bleiben, der von uns nicht als ein Gefallener betrachtet werden muss; ein Arbeiter, wie es sie zu Tausenden und Abertausenden in allen Gegenden unserer ach so modernen Welt gibt und dessen größte Hürde bei der Bildung die Umstände sind, in die er hineingeraten‘. Mein einstiger Unternehmensberater wird schon bald immer seltener und irgendwann möglicherweise gar nicht mehr in die Bibliothek gehen, denn er wird genug damit beschäftigt sein, sich die fremde Sprache anzueignen und dabei gegen all das eben Aufgezeigte natürlich weiterhin anzukämpfen haben. Seine Arbeitsstelle wird sich im Übrigen nicht als der beste Ort erweisen, um hier viele neue Wörter und sprachschöne Wendungen zu praktizieren, geschweige denn zu erlernen. Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass mit der sprachlichen Beschränkung die eigentliche, äußerst reale Beschränkung des Menschen in der Fremde einhergeht. Dieser vermag sich aus der – eigentlich nur zeitweiligen – niederen Ebene nicht mehr zu erheben.
Mein letztendlich Doch-Gefallener wird versuchen, sich seinem neuen Leben – in seinem Fall also seiner Arbeitsatmosphäre – anzupassen.
Er findet sich mit seinem Schicksal ab.
Das heißt nun, dass er den Großteil seiner intellektuellen und inneren Qualitäten metamorphosierend abstreift, sie aufgibt. Hier haben diese nichts mehr zu suchen. Sicherlich wird meine Geschichte ihn auch jetzt noch als den strebsamen Menschen aufzeigen, der er schon immer gewesen war. Man wird den Eindruck nicht verlieren, dass es sich hierbei um einen tragischen Menschen handelt, der nicht so recht in seine von zur Destruktion neigenden Resignation und Simplizität gekennzeichneten Umwelt passt. Aber nicht das ist das eigentlich Tragische. Vielmehr ist das bittere dieser meinen Geschichte derjenige Ausblick, dass dieser Mensch seine Ideale und Bemühungen fortan auf Tätigkeiten und Bereiche ausrichtet, für die es sich eigentlich gar nicht lohnt, sie zu benennen. Meine Geschichte bietet dem, der sie hören möchte, zum Glück nicht allzu viele Momente an, in denen dem früheren Volkswirt dies in derartiger Klarheit bewusst wird.
„Es ist ein Schock!“, sagt er dann. „Es ist ein Schock.“
Ich meine, diese Geschichte, die leider nicht nur Fiktion ist, denn die Silhouette jenes Menschen saß während einer Fahrt durch die Nacht hinter mir, sollte den Titel „Arbeit am Menschenwerk“ tragen.

Die Pragmatik der Intransparenz

Die Postmoderne postuliert Intransparenz. Die reale, wie die abstrakte Welt von heute ist derart vernetzt und vornehmlich die Erkenntnisse über geschichtliche Phänomene zeigen uns, dass diese niemals nur disziplinär, losgelöst vom gesamthistorischen Kontext zu betrachten sind und unfassbar weitreichende – auch außerhistorische – Folgeerkenntnisse erfordern. Diese Kombination aus verzwicktem Gestern und noch verzwickterem Heute scheint einen akademisch klaren Blick auf die Gesellschaft zu verhindern. Wissen heutzutage ist allenfalls Halbwissen. Wer den Blick wagt, begibt sich auf Glatteis; fällt er, so kann er „Dilettant“, oder – wenn er im Fallen die Miene nicht verzieht – „Populist“ geheißen werden und das auch dann, wenn er gar keiner ist. Die, die nicht fallen, haben zumindest schlottrige Knie. Sie sind gezwungen, sich einer Sprache zu bedienen, die es unmöglich macht, Kritik in der Art und Weise zu formulieren, wie sie im Innern entstanden ist. Sie wird entfremdet, abstrahiert; sie ist emotional tot; die Breite der Bevölkerung, der die Gedanken vielleicht zugeneigt‘, werden diese nicht verstehen können. Ich behaupte gar: Die Akademie begibt sich tragischerweise selbst in ein Labyrinth, aus dem sie, wenn, dann geschwächt wieder hinaus findet – verändert in jedem Falle. Die Postmoderne verhindert eine allumfassende Kritik; sie entideologisiert; sie entmythologisiert und entwertet; denn sie hat erfahren, wozu Ideologien, Mythen und Werte geführt haben.
In jedem Falle – so glaube ich – hat sie einen Nutznießer. Dies ist ein wert(e)loses System und das ist das System der Wirtschaft. Zumindest gibt sie es vor, so zu sein. Ihr einziger Glaube ist der Pragmatismus; ihr Jesus ist die Zahl und ihre Aurora, in der ihr Phallus sich erhebt, ist der Fortschritt. Sie ist ethisch unantastbar, weil sie keine Ethik hat. Es scheint, als habe Kritik bei ihr keine Angriffsfläche; denn sie argumentiert eben mit Pragmatik. Altruismus preist sie nur dann, wenn er sich in ihre Pragmatik einbettet – was die „Soziale“ Marktwirtschaft bestens zeigt.
Sie, die Wirtschaft, dezimiert die Reihen ihrer Kritiker, denn Hand in Hand mit ihr geht der Egoismus, welcher sich jedweden Werten nur dann nicht entzieht, wenn er eingeschränkt wird. Und das geschieht eben nur aus pragmatischen Gründen.
Im Übrigen verwechsele man den ökonomischen Egoismus nicht mit den Nietzsches. Dieser ist urmoralisch und kann, wie geschehen, deshalb auch ohne Weiteres zerrissen werden (zumal die Ideologie ihn pervers entfremdet hatte). Auch hier gibt es einen Nutznießer: Es ist die Wirtschaft.

Wenn es im scheinbaren Wirrnis der Postpostpostpostpostmoderne also das größte Problem ist, etwas zu finden, für das es sich einzusetzen lohnt; wenn heute das Schwierigste ist, nicht gegen etwas, sondern für etwas zu demonstrieren, dann sind Utopien umso wichtiger für uns. Wir können und sollten freilich gegen gewisse, gegen viele Dinge sein. Aber ohne den Blick für etwas Neues werden wir nichts ändern, werden wir nichts Neues schaffen können. So lasst uns Utopien wagen!

Politik und Wirtschaft

Politik und Wirtschaft

Die Beschränktheit der (wenn auch allzu seltenen) aufrichtigen Politik liegt darin begründet, dass ihre Ethik von den Einzelnen, den vielen kleinen Welten im Staat, bewusst oder unbewusst untermauert oder zunichte gemacht werden kann. Der utopische Politiker macht sich also für ein Ideal stark, an welches sich der kleine Bürger, der ihn sogar gewählt haben mag, nicht hält. Das Ideal verpufft; es bleibt eine Theorie.
Die Wirtschaft ist da näher an der Realität. Sie ist perverser. Denn, was sie mächtig macht, ist das „Bedürfnis“ des Verbrauchers (das sich im krassesten Falle in der ohnmächtigen Abhängigkeit des Arbeitnehmers äußert).
Eigentlich sollte niemand, der ehrlich zu sich selbst bleiben will, die Wirtschaft verdammen, ohne daraus Konsequenzen für sich erwachsen zu lassen, weil jeder von uns sie nicht nur – im Gegensatz zur politischen Politik – allenfalls indirekt, sondern unmittelbar direkt (blind vielleicht, aber dennoch direkt) gestaltet. Und während die politische Politik den Einzelnen, ob zu unrecht oder zurecht, am Allerwärtesten vorbeigehen mag, trifft die Wirtschaft ausnahmslos Jeden – und das an seinem empfindlichsten Nerv. Nun mögen mich der gemeine FDP-Mann und der Empörte fragen, wie ich dies begründen will. So stelle ich unhöflicher Weise eine Gegenfrage in den Raum:
Wie ist es um das Kaufverhalten von Freilandeiern bestellt?….

Simple Gedanken

Aber meine lieben Brüder und Schwestern; so habt doch um Himmels Willen ein Einsehen und kauft mehr; gebt wieder Geld aus! Versteht Ihr denn nicht, dass nur der Konsum die Wirtschaft in den Gang setzt und dass nur dies neue Arbeitsplätze schafft – bestehende sichert – Arbeitsplätze, die Ihr doch schließlich braucht und haben wollt, damit Ihr weiterhin Geld in Euren Taschen habt, um Euch damit all die Sachen leisten zu können, die Ihr Euch kaufen wollt ?…
Merken wir etwas?
Fällt uns denn nicht auf, dass die Raubkatze ins eigene Schwänzlein sich beißt?
Was ist denn, wenn wir einmal weniger konsumieren; oder uns zumindest weniger Dinge kaufen um dadurch trotzdem die Freude am Konsumieren genießen zu können, indem wir einmal nutzen, was vorhanden ist, oder einfach teilen und indem die, die produzieren, kurz innehalten, verschnaufen und sich fortan wieder mehr Zeit für Qualität gönnen?
Konsumieren wir weniger, so gibt es weniger Arbeit freilich, denn die Wirtschaft wird plätschernd den Bach runtergehen oder vielmehr, statt ein alles mit sich reißender Strom, rieselnder Felsquell sein.
Wir haben weniger Geld.
Aber wir brauchen ja auch weniger Geld (vielleicht, so flüstert uns eine Stimme, brauchen wir gar gar keins, denn wo es kein Geld gibt, gibt es auch keinen mit Geld zu wiegenden Vergleich zwischen Reichtum und Armut…).
Wir brauchen deshalb weniger, weitaus weniger Geld, weil wir weniger, weitaus weniger neue Dinge brauchen, die wir damit zu bezahlen hätten…

Ein archäologischer Fund

Liebe Freunde!

Ich freue mich, Euch mitteilen zu dürfen, dass uns nun ein aufsehenerregender Fund gelungen ist.
Es handelt sich hierbei um einen etwa 200 Jahre alten Soldatenhelm – wohl aus dem Jahre 2020 – aus der Division Lufthansa, welcher im Sektor 13, in dem sich das damalige „Island“ befand, bei Feldvermessungen zufällig entdeckt wurde.
Wir können daraus schließen, dass sich die ersten modernen Divisionen, derer sich sukzessive andere Einheiten, wie die der Deutschen Bank, der
Jack Wolfskin, der DuMont oder der Bacardi Division anschlossen, etwa bereits um diese Zeit etabliert hatten.

Helm

Ein Blick in eine andere Welt – eine Anregung

Dies ist ein Beitrag des Deutschlandradios Kultur über das Musiktheaterprojekt „Amazonas“.
Doch nicht nur darüber. Hört selbst!

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2010/05/02/drk_20100502_1006_21eb43d2.mp3

Eine Erinnerung

Eine Erinnerung (an etwas leider bisher nur Fiktives), die mir seit einigen Jahren auch und vor allem als Idee für ein Straßentheaterstück dient:

Einmal habe ich einen Mann gesehen,
Der hatte auf der Straße gesessen
Und die Perlen gezählt,
Die ihm von den Wangen fließen.
Und vor seinen Füßen
Lag ein off‘ner Hut zerschlissen
„ Ich bitte Euch, so helfet mir“,
Stand auf einem Fetzen Papier,
„Helft und nehmt mir eine meiner Münzen!
Ich kann sie nicht mehr tragen.“
Ich las es und stellte mir viele Fragen
Dann bin ich aufgewacht
Und hab den Traum vergessen.

Bestellmenge: 4 Mann

z.Hd. einer Zeit-Arbeits-FIRMA

Bestellung - 4 Mann

Von der Arbeit zum Wert des Produktes, zum Wert an sich – Der Perlentaucher

Der Perlentaucher

„Und bedenke, mein Sohn, was mir bereits mein Vater und ihm davor sein Vater anvertraut hatte: Die Perle ist der größte Schatz, den ein Mann in der Hand halten kann, denn wer eine Perle ertaucht, von dem sagt man, dass er die Liebe mitbringt.“
Lange hatte er auch diesen Tag an der Zypresse gelehnt, sich seine Arme von der Sonne bräunen lassen und immer wieder stumm jene Worte seines verehrten Vaters wiederholt.
Mit wie vielen Tränen hatte er schon die Blätter benetzt, als er hoch oben in den Wipfeln des Baumes saß und die Mutter aus dem Meer steigen sah, bis sie zum Mittage in vollem Glanz vor ihm strahlte und er dabei immerzu an das Mädchen aus der Stadt dachte: „Schöngesicht… Mein Herz möcht‘ ich Dir schenken!“ ?
Doch das Maß der Zeit war nun voll; die Rast musste ein Ende haben.
Er kletterte abwärts; in Gedanken hatte er die Tat bereits vollbracht und frohgemut lächelte er, dass er den Zweifeln, die noch im Baume hingen, die marmorweißen Zähne zeigte.
Diesmal musste es klappen; diesmal musste er Glück haben.
„Ist Dein Wille nur stark und rein, dann wird Dich das Meer reich beschenken.“
Die Kleider waren abgelegt, er sprang in das glitzernde Wasser und tauchte in eine andere Welt hinab, vorbei an Seeschlangen und bunten Fischschwärmen, die sich wie eine Welle durch das Meer rollten.
Eine Qualle hätte ihn fast gestreift. Wie oft hatte er dieses Land, in dem er nicht atmen durfte, bereits bereist; wie sehr hatte es in seinen Lungen schon gedrückt, dass er meinte: ‚Noch einen Fuß tiefer und sie müssen mir zerknacken!‘ ?
Und wie oft hatte er dann am Ende mit leeren Händen den Meeresspiegel durchbrochen, war an das Ufer gestiegen und hatte einen so derart tief enttäuschten Ausdruck mit an Land gebracht, dass die Schaulustigen scherzten und sich fragten, ob es denn das Meer war, welches an seinem Gesicht klebte, oder nur erneut Tränen eines Schwächlings.
Trotzdem hatte ihn der Mut nie ganz verlassen; Männer, deren Freund der Schalk ist, haben einen stärkeren Nacken und ein jedes Mal freute er sich wieder Tauchen gehen zu dürfen. Dann nämlich war es ihm, als sei er in Wahrheit in der Luft. Wenn er sich von den Strömungen des Wassers tragen ließ und ihn der Meeresschaum kitzelte, glaubte er geradewegs durch dicke, weiche Wolken zu fliegen und meinte, am Meeresgrunde müsste direkt sein Stadtmädchen auf ihn warten.
Und tatsächlich! – Als er dieses Mal das Gras streichelte und es rhythmisch hin- und her schwang, da zeigte sich plötzlich aus dem Verborgenen eine Muschel und in dieser glänzte eine Perle wie ein Funken Licht.
Oh, wie war er außer sich vor Freude!
Der Jüngling musste sich regelrecht zur Vernunft zwingen: Er war nämlich daran, zu schnell an die Oberfläche zu schwimmen und hätte besinnungslos werden und auf ewig zurück zum Meeresboden sinken können, wenn er sich nicht seiner besann.
Da hatte er sie nun- die Perle in der ausgestreckten, linken Hand und machte sich- von der Sonne mit dem Trocknen seiner Haut belohnt und angekleidet auf den weiten Weg in die große Stadt.
Doch, oh weh! Der einsame Gang durch die Dunkelheit, die ihn bald umgab und falsche Kameraden, die sich am hellen Tage um ihn scharten, ihn zu be- doch in Wirklichkeit zu entgleiten (kleiden), wurden ihm zur Qual.
In immer mehr Wanderern, die ihm grüßend entgegen kamen, sah er den versteckten Neid und so manch böses Weib sprang vor ihm aus dem Gebüsch heraus- eins im Bunde mit dem Nebel in der Früh und des Abends- ihn zu verführen. Feuchte Luft lässt die Kleider enger am Körper anliegen…
„Möchtest Du nicht den noch so langen Weg aufgeben und Dich zu mir gesellen? Ich sage es Dir geradeaus in Deine sanften, braunen Augen: Alles das, was Du Dir von der, die in der Stadt wohl nicht auf Dich warten wird, versprichst, gebe ich Dir genauso gut und das myriadenhaft…“. „Woher willst Du wissen, dass Deine Teuerste es nicht der Cleopatra gleich tun wird und Dein Herzensgeschenk, für das beinahe Deine Brust gerissen ist, in eine Essigschale legt und es einfach austrinkt?“
Mit dieser Frage übermannte ihn schließlich der Kummer, der die ganze Zeit heimlich hinter ihm hergeschlichen war, und der Jüngling verunglückte allein und verlassen auf der letzten Straße hin zu seinem blühenden Schöngesicht noch mit der Perle in der ausgestreckten, linken Hand. Und als Schöngesicht eines Herbsttages an der Seite eines schnöden Langweilers, der nicht wusste, wie man mit Blumen umzugehen hat, verwelkte, wusste es noch nicht einmal, dass viele Tage zuvor ein Mensch für sie gestorben war.
Ach, mein schöner Griechensohn!
Nicht gar so viele weitere Tage gingen in Dein Land und in die weite Welt; da machte ein Japaner, dass von nun an dieses kleine, weiße Ding in Massen verschenkt werden konnte und die Menschen störten sich noch nicht einmal daran; denn beinahe Jedem war es schon immer egal, ob die Perle an seinem Herzen echt oder künstlich ist

Anton Tschechow – Aus: Missius

Diese Erzählung Tschechows, die auf einzigartiger Weise in der Aufführung des Leipziger Schauspielhauses in das Stück „Kirschgarten“ als Epilog eingeflochten wurde, möchte ich gerne meiner Utopie vom 23.02. zur Seite stellen.
Technisch geht das nicht mehr. Aber Ihr findet Euch sicherlich zurecht.

Anton Tschechow: Missius. Erzählung eines Künstlers

Das Volk ist mit einer großen Kette gefesselt, und Sie zerschlagen nicht diese Kette, sondern fügen immer neue Glieder hinzu – da haben Sie meine Meinung … Die Menschen haben keine Zeit, an ihre Seele zu denken, keine Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen; Hunger, Kälte, tierische Angst, eine Unmenge von Arbeit haben ihnen alle Wege zu einer geistigen Tätigkeit versperrt, eben zu dem, was den Menschen vom Tier unterscheidet und das Einzige bildet, um dessentwillen es sich zu leben lohnt. Sie kommen ihnen mit Ihren Krankenhäusern und Schulen zur Hilfe; aber Sie befreien sie damit nicht von den Fesseln, im Gegenteil, Sie unterjochen sie noch viel mehr, da Sie nur die Zahl ihrer Bedürfnisse steigern, ohne davon zu reden, daß sie für die Pflästerchen und die Bücher bezahlen und dafür ihre Rücken noch stärker krümmen müssen. Man kann die Hände nicht in den Schoß legen und dasitzen. Freilich werden wir die Menschheit nicht retten, und vielleicht irren wir uns in vielem, doch wir tun, was wir können, und wir haben recht. Die höchste und heiligste Aufgabe der Kulturmenschen besteht darin – dem Nächsten zu dienen, und wir versuchen, nach bestem Können zu dienen.
Die Aufgabe eines jeden Menschen liegt in der Arbeit des Geistes – im beständigen Suchen nach Wahrheit und nach dem Lebenssinn. Machen Sie doch, daß für jene die grobe, tierische Arbeit unnötig wird, lassen sie sich frei fühlen, und dann werden sie sich überzeugen, welch ein Hohn im Grunde diese Bücher und Hausapotheken sind … Die Kenntnis des Lesens und Schreibens, wenn der Mensch nur die Möglichkeit hat, die Aushängeschilder an Schenken und hin und wieder Bücher, die er nicht versteht, zu lesen, eine solche Bildung haben wir bei uns seit ewiger Zeit. Nicht Lesen und Schreiben tut uns not, sondern Freiheit für eine möglichst reiche Entwicklung der geistigen Fähigkeiten …
Nehmen Sie einen Teil fremder Arbeit auf sich. Wenn wir alle, Städter wie Landbewohner, alle ohne Ausnahme, einverstanden wären, die Arbeit, die von der Menschheit zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse geleistet wird, unter uns zu verteilen, so kämen auf einen jeden von uns vielleicht nicht mehr als zwei, drei Stunden täglich. Stellen Sie sich das vor, daß wir alle, Reiche wie Arme, nur drei Stunden im Tage arbeiten, während die übrige Zeit für uns frei ist. Stellen Sie sich dazu vor, daß wir, um noch weniger von unserem Körper abzuhängen und weniger zu arbeiten, Maschinen erfinden, die die Arbeit ersetzen, und uns bemühen, die Zahl unserer Bedürfnisse auf ein Minimum zu beschränken. Alle gemeinsam widmen wir diese freie Zeit den Wissenschaften und Künsten …
Gelehrte, Schriftsteller und Künstler arbeiten mit Vollkraft, indessen sind wir von der Wahrheit noch weit entfernt, und der Mensch bleibt nach wie vor das raubgierigste und unsauberste Tier, und alles zielt darauf ab, daß die Menschheit in ihrer Mehrheit entartet und für immer jede Lebensfähigkeit verliert.
Unter solchen Bedingungen hat das Leben eines Künstlers keinen Sinn, und je begabter er ist, desto seltsamer und unverständlicher wird seine Rolle, da es sich ergibt, daß er zur Belustigung des raubgierigen, unsauberen Tieres arbeitet, um die bestehende Ordnung aufrechtzuerhalten. Und ich will nicht und werde nicht arbeiten … Nichts braucht es, möge die Erde in den Tartaros [Unterwelt, Abgrund] versinken!
Anton Tschechow, Meisternovellen. Aus dem Russischen von Rebecca Candreia. © 1946 by Manesse Verlag, Zürich, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.

http://www.centraltheater-leipzig.de/centraltheater/denken_handeln/aktuell/der_kirschgarten/

Ein Büroangestellter

Büroangestellter

Ein kleines Bildchen, dass ich auch „Welcome to the soldier side“ nennen würde….

Eine Utopie

Auf die Gefahr hin, dass ich wieder einmal vorwegnehme, worauf unsere – hoffentlich zahlreichen – Leser selbst kommen mögen, steuere ich Folgendes dennoch bei – vielleicht auch, weil es „nur“ eine Utopie meinerseits ist:

Arbeit, Konsum, Kultur – eine Utopie

Die Rechnung ist verblüffend und verlockend einfach: Weniger Angebot und Nachfrage und somit weniger Ausgaben und Arbeit bezüglich Güter der Rüstung (um die Welt im Großen anzusprechen) und des Konsums (um vor allem die kleinen, privaten Welten anzuschreien) zugunsten der Kultur.
Ich spreche von einer Sinnverschiebung, einer Sinnaufwertung, ja! sogar von einer vielleicht erstmaligen Sinnverleihung unserer Existenzen.
Der Mensch durchschreitet sein Leben freilich, um zu leben (nebenbei sei bemerkt, dass unser Ausbildungs- und Arbeitsverhalten, wie es bisher – und ich wage zu behaupten, dabei zur Perversion verzerrt in den letzten 200 Jahren – war und welches sich ja leider durch unser beinahe ganzes Leben zieht, den Gedanken „Leben des Lebens wegen“ erstickt und verstummen lässt und Pausen – in seiner vielleicht baldigen Vollendung – einzig im Konsumieren duldet).
In meiner Utopie schließt „Carpe diem!“ nun ebenfalls ein, dass die Menschen leben, um das Vergangene zu betrachten und um so ihre Gegenwart zu verstehen, sie in ihrer Gänze aufnehmen zu können und daraus eigene Kultur-Welten zu schaffen. Der Mensch arbeitet auch in meiner Utopie. Doch er bedarf nur noch eines Bruchteils des Konsums, dessen er heute bedarf und er arbeitet vor allem an Kultur. Ich stelle mir statt der sinnlos aufgeblähten Luftblasenkonzerne, die nichts als muffige Luft verbreiten, unzählige einzelne Künstler, kleine Künstler- und Kulturgruppen, aber auch große, riesige Kulturwerkstätten vor; nicht, um bloß miteinander zu konkurrieren und nicht, um abzulenken, wie es Holly- und Bollywood zuweilen tun, sondern, um den Menschen mit all seinen problematischen und wunderbaren Facetten, die beide weiterhin bestehen werden, aufzuspüren. Ich stelle mir Milliarden von Menschen vor, die auf verschiedenster Art und Weise kulturbegeistert sind. Was gibt es dann Alles zu tun, zu arbeiten, finanziell zu fördern! Und niemand erleidet dabei einen Schaden, denn die Welten gelebter Gefühle und Phantasien bleiben vor allem eins: fiktiv. Der Mensch lebt, um Anderen einen Blick auf seinen eigenen Kosmos zu bieten, den er selbst in all den Jahren, die er auf unserer Erde wandelt, von immer wieder neuen Seiten entdeckt und verstehen lernt. Es ist die Veredelung des menschlichen Miteinanders, der Kommunikation und vor allem des eigenen Seins als Einssein mit der Erde, die uns hervorgebracht‘.

Ein kurzer Blick auf ein Stück ungelebtes Leben

Heute

Gabi sitzt hinten im Maschinengefährt und rollt Prospekte in Zeitungen ein.
Ihr Mann – verblasst – sitzt vorn am Steuer; auf dem Sitz neben ihm stapeln sich die Blätter.
Und Gabi schaut auf ein solches und stiert und starrt und denkt sich fern von dieser Welt.
„Könnt‘ ich noch in Kroatien sein, ich wäre eine Brunnenmaid, kurbelte und zöge die Eimer aus dem Wasser. Ach! als ich vergangen war und die Frucht in den Händen hielt, empfahlen sie’s mir:
‘ Kindchen! Lass nur das Steinchen fallen.‘ Ich glaubte’s nicht. ‚Kleines Ding, Du bist zu jung dafür. Kind, wir befehlen’s Dir! Lass den Pfirsich fallen, jetzt und hier!‘
Und ich ließ die Frucht fallen und ich ließ die Liebe hängen und ließ sie fallen.
Heute gehörte sie Allen, doch vertrocknet mag sie Keinem mehr gefallen.“
Und weiter rollt Gabi Prospekte in Zeitungen ein.

Die Freude – Lernen

Die Freude – Lernen

(Gedanken nach einem Gespräch mit einer Pädagogin über Erziehung in der ersten öffentlichen Schule unseres Lebens – dem Kindergarten)

Nicht nur Freude am Lernen; es ist auch die Freude als solche, die wir den Kindern beibringen, näher bringen oder schlicht und einfach lassen sollten. Die Freude am Lernen bedingt schließlich die Freude und vielleicht ist mehr noch als Wille, Ansporn, und Bestreben zum Lernen das Vergnügen an der Freude für das Stadium des Kindseins wichtig und geradezu kostbar.
Aber vergeuden wir nicht die effizienteste Phase des Lernens überhaupt, wenn wir das Kind nicht bereits in seinen ersten Jahren beständig und mit Eifer zum Wissen führen, mag man mich fragen.
Darauf antworte ich, indem ich mich für einen interessanten Blickwinkel bedanke, nämlich für den, der die Reize einbezieht. So glaube ich nämlich, dass es vor allem die Kinder sind, die unter der Reizüberflutung, die uns alle be-trifft, leiden. Die Erfahrung jener Pädagogin, mit der ich mich unterhielt, zeigten ihr, dass der tägliche Kindergartenbesuch den Kindern vielleicht ein Vergnügen, vor allem aber auch eins bedeuten: harte Arbeit und ernster Leistungsdruck. (Und ich spiele hierbei nicht auf Elite-Kinder-Vorschul-Gärten an, die ihren Kleinen bereits vor der Einschulung zwei, drei, vier Fremdsprachen und physikalisches, chemisches, algebraisches Vorwissen etc. pp. einflößen. Nein!; ich ziele auf die gängigen, ganz normalen Kindergärten.)
Wie wertvoll sind die Momente der puren Freude, des Sich-Entfernens vom Geiste hin zu dem, was das Wesen eines Kindes im Eigentlichen ausmacht!
Je früher wir Gehetzten, Vergeistigten, Rationalisierten, Kantgesichtigen, Zahnräder es lernen, uns zu entspannen und innezuhalten, desto besser ist es für uns.
Ich gehe noch einen Schritt weiter – zurück – und behaupte gar, dass es das entspannte Innehalten in der Freude ist, welches uns allgemein friedlicher stimmen könnte.
Denn das Kind ist es, das die seltsame Fähigkeit besitzt, Dinge, die keinen Schaden verursachen, weil sie nichts zerstören, ebenso wenig jedoch etwas erschaffen, sondern schlicht den reinen Moment verkörpern, nicht als langweilig, sondern als freudig zu ersehen.
Wir schreiten fort, vorüber, sehen das Funktionslose nicht; doch das Kind bleibt stehen, denn es sieht ein Blatt im Wind – und weiß sich darüber zu freuen…

Abgesang

Die Zeitgeister, die ich rief, zersetzen nun…..Maschinenhirn! Zu schwach, der falsches Sein zerschlagende Wille, zernagt, von innen ausgehöhlt, leere, vertrocknete Hüllen bleiben zurück, die den Schein wahren, gehorchende Benutzbarkeit, das Chaos reglementierend, unwissend wissend, leblos liegengeblieben!
Befreiende Wut, schöpferische Gewalt, Zertrümmern der tödlich modernen Illusionsrealität, pervertierter Normen-und Moralschlamm, die Ursuppe aus vergangenem Grau.
Panikartig rettendes Erkennen, um in unvorstellbaren Springfluten, Sphärengedankenbsplitter, des absolut selbst Erfühlten aufzutauchen, aufzuwachen, die eigene Existenz muss nicht mehr geleugnet werden!

Eine kleine Spielerei


Einige Anregungen zur Gestaltung

Radiohead - OK Computer Front

Beides sind Gestaltungen zum Album „OK Computer“ von Radiohead

---

Komar und Melamid - ein Zitat

Ein Kunstwerk des SozArt-Duos Komar&Melamid mit dem Titel „Ein Zitat“. Die russische SozArt kann uns sowieso beste Anregung insbesondere für diese Ausgabe sein

---

Malewitsch - die Roggenernte

Malewitschs „Roggenernte“

Die Arbeiter verhärten sich zu Zylinder und Kegelstümpfen…

---
Pink Floyd - Animals

Albumcover zu Pink Floyds „Animals“ – eine, wie ich finde, äußerst gelungene Collage (die beinahe ECHT war)

Zwei Karikatur-Entwürfe 1. машина

машина (russ.) = Auto, Maschine

2. Feierabend

Da kommt er her, da will er hin

Hierauf bin ich gekommen, nachdem ich eine Modezeitschrift, die mir irgendwer in den Briefkasten geworfen hat, durchgeblättert habe und dabei auf einen „Artikel“ gestoßen bin, der sich tatsächlich folgendermaßen aufbaut: „Da kommt er [Das kleine verwöhnte Söhnchen des Megastars X.] her: … Bla, Bla, Bla… Da will er hin: … Bla, Bla, Bla“

Triumph

Triumph

Ein kleines Bildchen, das ich gemalt und „Triumph des Graus“ genannt hatte.
Für die Zeitschrift wäre mir jedoch „Triumph“ lieber. Der Rest ergibt sich ja.

Von Tomi Ungerer

Auf der Jagd
Auf der Jagd

arbeiten bis zur bahre

geburt-gehorchen-lernen-arbeiten-lernen-denken-NEIN!-rackern-rackern-lernen-schwitzen-schwitzen-placken-arbeiten-arbeiten-arbeiten-denken-NEIN!-schwitzen-produzieren-ducken-ausgezahlt bekommen-dienen-dienen-dienen-konsumieren-auskacken-arbeiten-heiraten-löhnen-arbeiten-ausgezahlt bekommen-kinder machen-konsumieren-auskacken-haus bauen-auskacken-fernsehen-auskacken-arbeiten-arbeiten-zahlen-zahlen-löhnen-löhnen-löhnen-danken-ducken-bitten-malochen-malochen-arbeiten-dienen-dienen-befördert werden-dienen-arbeiten-arbeiten-arbeiten-abarbeiten-verrenten-gehorchen-arbeiten-pflichten nachgehen-denken-NEIN!-fernsehen-bettruhe-tod

Pompeij – 2 Kurzprosa-Stückchen für die Lava

Kalter Krieg

Ein Mann läuft früh, 6 Uhr, durch die mobilisierte Fußgängerzone.
An der Front der großen Kreuzung bleibt die Masse stehen, denn die Ampel leuchtet Rot.
Der Mann läuft weiter – schlafend –
und wird von den Maschinen erfasst, überrollt.
Er war überarbeitet.

Stille (oder: Still-Stand)

„Junge! Ich sag‘ es Dir nur noch dieses eine Mal –
Lös‘ Deine Bremsen!
Du ewiger Träumer.“

(Eine Mutter zu ihrem Sohn, welcher im Rollstuhl sitzt, in der Immer-Vorwärts-Bewegung der Straßenbahn)

Die bisherigen Protokolle

Hier gibt es die bisherigen Protokolle zur Ansicht.

Protokoll 20.10.09

Protokoll 03.11.09

Protokoll 17.11.09

Protokoll 03.12.09

Protokoll 08.12.09

Protokoll 17.12.09

Unsere bisherigen Diskussionen können dort teilweise nachgelesen werden; einige frühere Entscheidungen sind natürlich wieder über den Haufen geworfen worden.